Weingeschichte Italien - Kurze Schritte nach langem Weg

Die Jahre von 1960 bis 1979

 

Wein wird in Italien seit Menschengedenken gemacht. Doch die besten Weine sind nicht älter als dreißig. Anfang der achtziger Jahre revolutionierte eine Generation von Spitzenwinzern den Weinbau. Mit besserem Wissen und neuer Technologie entstanden bis dahin unbekannte Qualitäten. Die Zeit danach war die dynamischste überhaupt in der italienischen Weinszene. Frühe Kultweine, Höchstpreise, der Aufstieg Süditaliens, dann die Finanzkrise und schließlich die vorsichtige Erholung.

Italiens Weingeschichte - Filmreif

Nehmen wir mal an, vor 50 Jahren hätte ein italienischer Regisseur einen Historienfilm über das Risorgimento drehen wollen. Nach Kulissen für das Leben der Landbevölkerung während der großen Nationalstaatsbewegung des 19. Jahrhunderts hätte er nicht lange suchen müssen. Praktisch jedes Weingut wäre in Betracht gekommen. Ein paar Traktoren zur Seite geschoben, und schon stimmt die Szene. Italiens Weinwirtschaft arbeitete lange auf einem sehr einfachen Niveau. Kleinbauern hegten ihre Rebgärten ohne große technische Mittel. Welche chemischen Reaktionen sich in den Gärkellern zutrugen, wusste keiner besonders so genau – auch nicht der Winzer.

Wein von der Antike bis zur Neuzeit - Ein kleiner Schritt

Die Technik des Weinbaus unterschied sich von der in der Antike vor allem dadurch, dass man für die Lese nicht mehr auf Bäume kletterte. Hellenen und Etrusker, die ersten Winzer Italiens, pflückten die Trauben noch von Lianengewächsen, die als Schmarotzer meterhoch rankten.
Vor allem mangelnde Hygiene sorgte für viele Bereitungsfehler in den Weinen, aber niemand erkannte sie. Auch Weinführer, -messen und -kritiker sind eine spätere Erfindung. Wein wurde da getrunken, wo er wuchs, oder im großen Stil in andere Regionen verkauft, wo er gebraucht wurde. Er war ein Alltagsgegenstand wie Brot und Olivenöl, dem man kaum weitere Qualität zusprach.

Der Winzer lernt - Die Menge macht den Unterschied

Hätte man einem piemontesischen Winzer in den sechziger Jahren prophezeit, dass seine Kinder in 40 Jahren die Hälfte aller Trauben unreif lesen und im Weinberg verrotten lassen und dass sie später im Flugzeug nach New York und Hong Kong fliegen würden, wo Käufer für die Kiste einen Preis zahlen, zu dem man einen gebrauchten Topolino kaufen kann, er hätte sich das dumme Geschwätz wohl verboten. Es war ja schon schlimm genug, dass Männer bald auf dem Mond und Frauen in Miniröcken rumliefen.

Dem Italiener ein Dorn im Auge - Die Gesetze schaffen den Rahmen 

Im Jahr 1963 wurden zwar erstmals Herkunftsgebiete gesetzlich eingegrenzt, innerhalb derer Winzer Weine mit dem Zusatz Denominazione di origine controllata (DOC) machen konnten. Die DOCs waren auch der erste Schritt zur einer erkennbaren regionalen Identität. Doch bis Ende der siebziger Jahre wurde in Italien vor allem immer mehr Wein produziert. Spätestens mit den unvermeidlich folgenden Preiskämpfen war das Image gründlich ruiniert.

Landflucht und Industrialisierung - Der Wein verliert

In der Folge flüchteten Landarbeiter in die Industriestädte des Nordens. Rebgärten, Weinberge, ganze Landstriche, die vom Weinanbau geprägt waren, verloren an Bevölkerung. Brachgefallene Rebanlagen verwilderten in wenigen Jahren. Um sie zu reaktivieren, hätten sie gerodet und neu bepflanzt werden müssen. Solche wirtschaftlichen Totalschäden erfordern hohe Investitionen, zumal es nach der Pflanzung Jahre dauert, bis sie Trauben für einen guten Wein abgeben.