Nebbiolo im Nordpiemont - Eine Artikel von Paul Balke

Nebbiolo im Nordpiemont - Der Übersichtsartikel von Paul Balke

Bei uns weitgehend unbekannte Nebbiolo-Rotweine warten auf die Entdeckung, verdient hätten Sie es, davon ist Piemontkenner Balke überzeugt



Nebbiolo ist eine edle Rebsorte aus der Langhe, die vielen Weinkennern vor allem wegen der bekannten Rotweine mit dem großen B (Barolo, Barbaresco) bekannt ist. Weniger bekannt dagegen dürfte sein, dass diese Rebe auch im Norden von Piemont, ganz nah an den ewig-weissen Gipfeln der Alpen, schon sehr früh angepflanzt wurde, vielleicht sogar schon zur Zeit des Plinius, der die Traube ´Spanna´ nannte.

Den daraus gekelterten Rotwein Gattinara hat man bereits im 16. Jahrhundert am Hof von Karl V getrunken, was der Tatsache geschuldet war, dass einer seiner Diplomaten, Kardinal Mercurio, aus der Gegend stammte.

Die Bedingungen von Klima und Boden im nördlichen Piemont sind ganz anders, als die in der Langhe. Nichts desto Trotz lohnt es sich, sich nach den Weinen umzusehen. Sie haben durchaus ihre Qualität. Es gibt allerdings nur noch wenig übriggebliebenen Winzer-Mohikaner, die dort produzieren. Die meisten haben angesichts der großen Konkurrenz längst aufgegeben. Um so mehr verdient gerade diese kleine Gruppe der Übriggebliebenen große Bewunderung, da sie sich mit wahrem Überlebens-Instinkt der Bearbeitung ihrer Weinberge gewidmet haben und immer noch widmen.

Vor 100 Jahren ...

... war die Oberfläche der Weinberge im Norden des Piemont noch etwa 40.000 Hektar groß, heute zählen wir weniger als 2.000 Hektar. Dass dieses Weingebiet in so kurzem Zeitraum mehr als 90% seiner Weinberge verlor, lag am 2.Weltkrieg. Nach dessen Ende waren viele Einwohner gezwungen nach Mailand und Turin umzusiedeln, da die Industrie ihnen dort eine bessere Zukunft versprach. Die Landschaft hat sich daraufhin sehr verändert, doch bei genauer Beobachtung lässt sich auch heute noch erkennen, dass viele Wälder in der Nähe von Boca, Lessona, Gattinara oder Ghemme einst Weinberge waren.
Die übriggebliebenen Weingebiete waren nur noch klein und im Weingeschehen eher unbedeutend, aber nun haben einige dieser Betriebe wieder angefangen zu investieren und man darf gespannt sein, was die Zukunft bringt.

Für alle Nebbiolo-Weinen aus dem Norden gilt: Dank des Klimas und des Bodens besitzen sie hohe Säurewerte und deshalb können die Weine sehr gut altern. Bei Verkostungen von alten Nebbiolo-Jahrgänge wirkten einige Gattinara-Weine aus dem Jahr 1982 frischer und besser als mancher Barolo, der seinen ‘Zenit’ schon überschritten hatte.

Insgesamt lassen sich die Weingebiete in drei Regionen aufteilen: die Colline Novaresi DOC  (Provinz Novara), die Coste della Sesia DOC (Provinzen Vercelli und Biella) und die Canavese DOC (Provinz Turin). Die kleinen Gebiete sind auch untereinander sehr unterschiedlich.
Weine wie Ghemme, Gattinarra und Lessona dürfen aus 100% Nebbiolo produziert werden, aber es gibt Produzenten die immer auch einen Teil Vespolina und Uva Rara hinzufügen, weil das dem Wein mehr Harmonie geben soll. Andere wiederum sind davon überzeugt, dass nur 100% Nebbiolo zu einem erstklassigen Resultat führt. Für mich ist diese Diskussion unentschieden, von beiden Typen habe ich sehr qualitätvolle Weine gekostet.


4 kleine DOC-Gebiete: Boca, Ghemme (DOCG), Fara und Sizzano

Leider sind in Fara und Sizzano fast alle Weinberge verschwunden, aber im Norden am Hang des Monte Fenera liefert das kleine Boca DOC einen grossen Nebbiolo-Wein. Wegen der vulkanischen und steinigen Porfirböden bietet der Wein Mineralität, Eleganz und Tiefe.

Südlich von Boca gibt es den Ghemme DOCG. Mit etwa 60 Hektar ist dies das zweitgrösste Weingebiet. Der Ghemme unterscheidet sich im Geschmack von den Weinen Boca und Gattinara, da der Boden dort aus moränen Hügeln mit Sand und Steinen besteht. Im Boden findet man Steine aus verschiedenen Höhen des Monte Rosa Massivs, die vom Gletscher heruntergebracht wurden.

Westlich von Ghemme liegt Gattinara, mit etwa 110 Hektar eine der wichtigsten Wein-Reputationen des Piemont. Die Weinberge liegen alle auf den steilen Hügeln hinter der Stadt mit Blick auf Süden. Der Boden, ein Gesteinsboden mit Vulkangestein, ist ähnlich wie in Boca. Hier findet man große Nebbiolo-Weine, so auch die Reserva-Weine von Travaglini und Nervi.

Westlich von Gattinara gibt es den kleinen Bramaterra DOC. Auch hier ist jetzt der grösste Teil Wald. Manche Weinberge sind auf Steinboden situiert, andere haben einen sandhaltigen Boden, ähnlich dem Lessona. Eine Flasche Bramaterra DOC ist schwer zu finden, aber es lohnt sich: der Wein ist immer gut! Wegen der speziellen Bodenverhältnisse braucht der Wein viel Geduld, 10 Jahre sollte er schon sein, bevor man ihn sich schmecken lässt.

Noch weiter westlich liegt das kleine Lessona. Zur Zeit werden dort etwa 50.000 Flaschen produziert, aber es werden jedes Jahr mehr. Die langen Hügel von Lessona bestehen vor allem aus altem Sandboden, der vor Millionen von Jahren einmal Meeresgrund war. Deshalb wirkt der Wein sehr elegant und hat eine geprägte Mineralität.
In Lessona gab es viele Jahren nur einen Produzenten, Tenute Sella, aber jetzt haben weitere Winzer dieses Gebiet entdeckt, das nun eine neue Dynamik entwickelt.
Nicht zu vergessen sind die schönen Weißweine der Erbaluce. Wegen des hohen Säuregehalts werden diese auch gerne als Schaumweine ausgebaut.


Die besten Winzer der Gegend

Boca DOC: Le Piane
Ghemme DOCG: Antichi Vigneti di Cantalupo, Toraccia del Piantavigna, Ioppa
Gattinara DOCG: Travaglini und Nervi
Lessona: Tenute Sella, Proprieta Sperino, Pietro Cassina, Massimo Clerico
Colline Novaresi: Cascina Zoina
Coste della Sesia: Castello di Montecavallo, Centovigne.
Canavese: Orsolani, Cieck, La Masera, Pozzo
Carema: Produttori di Carema.

FOTO OBEN: Weinbergsterassen im Carema-Gebiet im November an einem nebligen Tag.

FOTO UNTEN: Bergmassiv des Monte Rosa im nördlichen Piemont.