Chianti Classico - Der Jahrgang 2014 - Die Meinung von Steffen Maus

Wie sehr sich der Weinstil einem fruchtigen, modernen Zeitgeschmack angenähert hat, zeigt keine Wein besser als die Annata. Ein Wein für junge Weintrinker und Junggebliebene.

Ist ein Weinkenner nach 20 Jahren ein erfahrener Hase, einer, der alles weiß? Sicher nicht! Ich lerne jedes Jahr auf meinen Reisen und in der Verkostung mit den jungen Sommeliers, die ich an den Sommelier-Schulen in Koblenz, Berlin oder München unterrichte, noch dazu. Was ich den jungen Kollegen voraus habe, ist sicherlich das Wissen um die Entwicklung einer Herkunft, wie die des Chianti Classico, über einen solchen Zeitraum. Als ich im Jahre 1998 begann, standen die 96er und die 95er Rotweine auf dem Verkostungstisch und ich konnte mir ein Bild machen, was den Wein auszeichnet. Damals suchten etliche Winzer die Erfolge in den Weinführerbewertungen und reicherten den an sich eleganten Sangiovese mit Cabernet oder Merlot und viel süßen Holzaromen an, die für breite Schultern sorgten und den damals gesuchten relativ fetten Geschmackseindruck hinterließen.

Veränderungen wahrnehmen und anerkennen

Ein Mensch kann sich in 20 Jahren kaum verändern, oder große Schritte machen, ähnlich ist die Entwicklung einer geschützten Weinherkunft, deren Charakter sich nicht um 180° drehen kann. Der Chianti Classico, so kann man mit Fug und Recht behaupten, ist mit der Zeit gegangen, d.h. er entspricht heute in seinem Wesen dem Idealbild nach fruchtigen, leichteren Weinen, die viel Trinkfreude bieten. Natürlich gibt es bei 380 Winzern noch etliche, die nicht so beweglich sind und ihren Wein so machen, wie vor dreißig oder vierzig Jahren, und das ist auf der anderen Seite auch gut so. Denn diese Winzer wie Castello di Verrazzano in Greve oder Monteraponi in Radda treffen nun auf einen Zeitgeschmack, der ihnen in die Karten spielt.

Hilfreich für den fruchtbetonten, rassigen Ausdruck des Sangiovese im Chianti, wie er sich vor allem in den Jahrgangsweinen zeigen soll und auch zeigt, ist zweifelsfrei die Tatsache, dass die Winzer fast ausnahmslos ihre Weinberge erneuert haben. Höhere Stockdichten und hochwertige Klone ermöglichen die Ernte eines ausgezeichneten Lesegutes, das der Winzer im Keller dann nur noch in seinem Weinwerden begleitet, während er sich früher gezwungen sah, es mit dubiosen Mitteln und Maßnahmen zu korrigieren.
Besonders die jungen Winzer, wie Istine in Radda oder Candialle in Panzano, haben es begriffen und erzeugen das, was ihnen gefällt und schmeckt. Dabei beklagen sie sich zu Recht, dass manche Weintrinker das erlernte Wissen und die Erfahrung mit dem Chianti Classico nicht überprüfen und mitunter in den Neunzigern oder gar Achtzigern festhängen. Dabei sind die letzten Jahre ein eindeutiger Beweis für die Modernisierung des Chianti-Gebietes bzw. des Classico-Weines in allen Belangen. Selbst die Kommunikation funktioniert heute, angefangen von den neuen Medien über die Weinprobiermöglichkeiten vor Ort mit den schicken Verkostungsräumen bis zu der Casa Chianti Classico im ehemaligen Convento di Radda und ist vorbildlich für alle italienischen Herkünfte.

Es wird derzeit von Konsortiumseite viel über die Gran Selezione berichtet. Doch das mit ‚Abstand mehrheitsfähigere Produkt, auch auf grund der Preisstellung, ist der Chianti Classico Annata. Dieser Einstiegswein ist zum Heranführen junger, italienaffiner Rotweintrinker geradezu ideal, die einen modernen, herkunftsbezogenen Wein und nicht  nur einen günstigen Rotwein kaufen möchten. In den nächsten Monaten wird der 2014er den 2013er Jahrgang langsam in den Regalen und auf den Weinkarten ablösen. Es ist nicht wegzudiskutieren, dass der 2014er insgesamt ein schwieriger Jahrgang im Weinberg gewesen ist, der den Winzern, verglichen mit einem ausgewogeneren Jahrgang 2013, alles abverlangt hat. Der Fortschritt eines Anbaugebietes zeigt sich für mich vor allem in den als mittelmäßig eingestuften Jahrgängen. Und so ist es auch erfreulich und eine Bestätigung dieser Annahme, dass viele Winzer den 2014er meistern konnten. Ihm kommt zugute, dass in diesem Jahrgang sicher weniger Riserva und Gran Selezione abgefüllt, und die abgestuften Partien dem Annata zugeschlagen werden. Im Mittel mit einem halben Grad weniger an Alkohol ist es ein Jahrgang in der Gegend von 13 Vol%, der präsente durch die feine Säure unterstützte rote Frucht mitbringt, die eher zur roten Kirsche als zur vollreifen, schwarzen Herzkirsche tendiert.

Solche Weine sind bekömmlich und bieten sich als Essensbegleiter geradezu an. Darüber hinaus ähneln sie keineswegs einem Nero d’Avola oder Primitivo , deren üppige Fruchtsüße beim Essen stören kann. Vielmehr zeigen die Chianti Classico-Weine eine vornehme, dem Charakter des aristokratisch geprägten Landadels hier im Herzen der Toskana entsprechende geschmackliche Nähe. Wem das zu weit hergeholt ist, der vergisst diesen kleinen philosophischen Einschub einfach wieder.