Chianti Classico - Die Meinung von Steffen Maus

Wie sehr sich der Weinstil einem fruchtigen, modernen Zeitgeschmack angenähert hat, zeigt keine Wein besser als die Annata. Ein Wein für junge Weintrinker und Junggebliebene.

Ist ein Weinkenner nach 20 Jahren ein erfahrener Hase, einer, der alles weiß? Sicher nicht! Ich lerne jedes Jahr auf meinen Reisen und in der Verkostung mit den jungen Sommeliers, die ich an den Sommelier-Schulen in Koblenz, Berlin oder München unterrichte, noch etwas dazu. Was ich den jungen Kollegen voraus habe, ist sicherlich das Wissen um die Entwicklung einer Herkunft, wie die des Chianti Classico, über einen solchen Zeitraum. Als ich im Jahre 1998 begann, standen die 96er und die 95er Rotweine auf dem Verkostungstisch und ich konnte mir ein Bild machen, was den Wein auszeichnet. Damals suchten etliche Winzer die Erfolge in den Weinführerbewertungen und reicherten den an sich eleganten Sangiovese mit Cabernet oder Merlot und viel süßen Holzaromen an, die für breite Schultern sorgten und den damals gesuchten relativ fetten Geschmackseindruck hinterließen.

Veränderungen wahrnehmen und anerkennen

Ein Mensch kann sich in 20 Jahren kaum verändern, oder große Schritte machen, ähnlich ist die Entwicklung einer geschützten Weinherkunft, deren Charakter sich nicht um 180° drehen kann. Der Chianti Classico, so kann man mit Fug und Recht behaupten, ist mit der Zeit gegangen, d.h. er entspricht heute in seinem Wesen dem Idealbild nach fruchtigen, leichteren Weinen, die viel Trinkfreude bieten. Natürlich gibt es bei 380 Winzern noch etliche, die nicht so beweglich sind und ihren Wein so machen, wie vor dreißig oder vierzig Jahren, und das ist auf der anderen Seite auch gut so. Denn diese Winzer wie Castello di Verrazzano in Greve oder Monteraponi in Radda treffen nun auf einen Zeitgeschmack, der ihnen in die Karten spielt.

Hilfreich für den fruchtbetonten, rassigen Ausdruck des Sangiovese im Chianti, wie er sich vor allem in den Jahrgangsweinen zeigt, ist die Tatsache, dass die Winzer fast ausnahmslos ihre Weinberge erneuert haben. Höhere Stockdichten und hochwertige Klone ermöglichen die Ernte eines ausgezeichneten Lesegutes, das der Winzer im Keller nur noch in seinem Weinwerden begleitet, während er sich früher gezwungen sah, es mit dubiosen Mitteln und Maßnahmen zu korrigieren.
Besonders die jungen Winzer, wie Istine in Radda oder Candialle in Panzano, haben es begriffen und erzeugen das, was ihnen gefällt und schmeckt, einen moderne Stilistik des Sangiovese aus kühleren Lagen. Dabei beklagen sie sich zu Recht, dass manche Weintrinker das erlernte Wissen und die Erfahrung mit dem Chianti Classico nicht überprüfen und mitunter in den Neunzigern oder gar Achtzigern festhängen.

Dabei sind die letzten Jahre ein eindeutiger Beweis für die Modernisierung des Chianti-Gebietes bzw. des Classico-Weines in allen Belangen. Selbst die Kommunikation funktioniert heute, angefangen von den neuen Medien über die Weinprobiermöglichkeiten vor Ort mit den schicken Verkostungsräumen bis zu der Casa Chianti Classico im ehemaligen Convento di Radda und ist vorbildlich für alle italienischen Herkünfte. 

Es wird derzeit in den Medien vermehrt über die Gran Selezione berichtet. Doch das mit Abstand mehrheitsfähige Produkt ist - natürlich auch aufgrund der Preisstellung - der Chianti Classico als Jahrgangswein (nach 12 Monaten im Verkauf). Dies ist ein idealer "Einstiegswein von Format", zum Heranführen jüngerer, italienaffiner Rotweintrinker geradezu ideal, die einen modernen, herkunftsbezogenen und bekannten Wein und nicht einfach nur einen günstigen Rotwein kaufen möchten. Etliche Millenials geben nämlich leicht einmal 15 € und mehr für eine Flasche Rotwein aus, wenn sie einen emotionalen und sozialen Mehrwert erkennen. Es ist einfach nur ein kleiner Teil der Wahrheit, dass die Deutschen lieber 5 € als 15 € für eine Flasche guten Rotwein aus der Toskana auszugeben bereit sind. 

In den nächsten Monaten wird der 2016er und der 2015er Jahrgang langsam in den Regalen und auf den Weinkarten ankommen. Zwei wunderbare Jahrgänge für den Sangiovese im Chianti. Es ist nicht wegzudiskutieren, dass der 2014er insgesamt ein schwieriger Jahrgang im Weinberg gewesen ist, der den Winzern alles abverlangt hat. Jedoch zeigt sich der Fortschritt eines Anbaugebietes vor allem in diesen Jahrgängen. Im Mittel mit einem halben Grad weniger an Alkohol ausgestattet ist der 2014er ein Jahrgang, der präsente durch die feine Säure unterstützte rote Frucht mitbringt, die eher zur roten Kirsche als zur vollreifen, schwarzen Herzkirsche tendiert. Solche Weine mit leicht grünen Gerbstorffen sind bekömmlich und bieten sich als Essensbegleiter an, ihre Entwicklung nach 5-6 Jahren ist sehr erfreulich, und ganz sicher sind sie der Gegenentwurf zu einem Nero d’Avola oder Primitivo mit ihrer üppige Fruchtsüße und Körper. Der Sangiovese besitzt nach der wichtigen Aufwertung der Rotweinsorten des Südens in den letzten 15 Jahren die besten Zukunftsaussichten der neue Rebsortenstar bei den interessierten Weinliebhabern jedes Alters zu werden.