Was würden Sie ausgeben, um weiße Spitzenburgunder aus Südtirol zu trinken? 197 € für den Terlaner Primo, 99 € für den Bianco Appius, 75 € für den LR Bianco oder Sanctissimus Weißburgunder? Die guten Nachricht ist, dass es in Südtirol mehr als ein Dutzend hochkarätiger Weißweine auf Burgunderbasis gibt, die ihre Spitzenpreise rechtfertigen, manche kosten lediglich 20 € lächerlich billig andere sind mit 50 € im internationalen Vergleich mehr als fair positioniert. Warum sollen Weinliebhaber nur für die roten Größen vernünftiges Geld auf den Tisch legen? Die Zukunft gehört den weißen Spitzenweinen!
Die Zukunft gehört den behutsam ausgebauten, mineralischen und lagerfähigen Chardonnay-Weinen. Ausnahmen seien erlaubt, denn in Südtirol stehen Quarz, Voglar, Lafoa oder St. Valentin für Spitzenweine aus der Rebsorte Sauvignon Blanc. Übrigens hat Hans Terzer, Kellermeister der St.Valentin-Weine, mit der TWC-Collection dem Sauvignon Blanc eine neue Krone aufgesetzt (ca. 90 €, bei 2.500 Flaschen). Unser Thema heißt aber Chardonnay und Verwandte und da kann Herr Terzer natürlich mit seiner St. Valentin das ganze Spektrum anbieten, vom Chardonnay über den Weißburgunder bis zum Grauburgunder oder im Blend beim bereits genannten Appius Bianco.
Wahre Terroirweine sind immer Blends, so lautet eine These, weshalb jeder für sich entscheiden muss, ob der Sophie Chardonnay, der LR Bianco von Schreckbichl, der Terlaner Nova Domus von Terlan oder der Beyond the Clouds Bianco von Walch in die Burgunderkategorie gehören, weil dort kleine Mengen Sauvignon oder Gewürztraminer das Gesamterleben beeinflussen. 

Deshalb fokussieren wir uns auf die Rebsortenweine, bei denen der Chardonnay ohne jeden Zweifel die Königsdisziplin darstellt, wenn auch der Weiß- und der Grauburgunder speziell in Südtirol ihm dicht auf den Fersen sind. Beim Grauburgunder ist es am einfachsten, da ist der Unterebner von Tramin das Maß aller Dinge, gefolgt vom Punggl von Nals-Margreid, Peter Zemmer und St. Valentin in der regionalen Gastronomie. Das Unterland im Speziellen scheint für weiße Burgunder - ausgenommen ist da der Weißburgunder - trotz oder gerade wegen seiner heißen Sommer ein passendes Anbaugebiet zu sein. 
Das belegt der Löwengang Chardonnay von Lageder seit nunmehr 30 Jahren! Eine Jubiläumsausgabe – ein Blend der Jahrgänge 13-14-15 - ist selbstredend ein begehrtes Sammlerobjekt. Die Weinberge liegen in Margreid nahe des Ansitzes Löwengang auf 300 m Höhe, diese für Südtirol eher warmen Lagen liegen dem Chardonnay, das zeigt sich auch anhand der Riserva Au von Tiefenbrunner, die im benachbarten Entiklar ebenfalls auf 300 m wächst. Tiefenbrunners Lagenwein wird von Kellermeistern als exzellenter Chardonnay hoch gehandelt. Daneben sind der Chardonnay Baron Salvadori von Nals-Margreid bzw. der Chardonnay von Zemmer zwei weitere Beispiele für die sehr gute Verbindung von Unterland und Chardonnay. 

Auch im zweiten großen Anbaugebiet, dem Überetsch mit den Weinorten Eppan und Kaltern, ist der Chardonnay im Kommen. Martin Lemayr, Kellermeister der Kellerei Schreckbichl in Girlan, ist von der positiven Chardonnay-Zukunft überzeugt. „Chardonnay kommt wieder in den Fokus, auch bei den meinungsmachenden Weinführern, und - ganz praktisch - auch bei den Weinbauern, denn die Virosen im Weinberg stressen ihn weniger als die Sorten Gewürz oder Sauvignon.“
Für Martin ist 2015 ein kräftiger und gleichzeitig finessenreicher Jahrgang mit Potential, 2016 regnete es dagegen im Juni/Juli und danach kam eine lange Sonnenperiode, die zu einem körperreichen Wein beitrug. Am Ende ist es das Weinbergs-Management jedes einzelnen Betriebes, das den Charakter beim Chardonnay und anderen Burgundern definiert. Die Weine im Glas belegen am besten, wer seine Hausaufgaben gemacht hat. Glücklicherweise haben die Südtiroler ihre Weinberge im Griff, dank ihrer guten Ausbildung und Erfahrung und natürlich auch dank der zahlreichen Arbeitskräfte eines Genossenschaftswesens.
Die Kellerei Schreckbichl wird schon lange für die Qualität seiner Chardonnay-Weine geschätzt. Folgerichtig haben sie ihren Chardonnay Formigar (aus der ehemaligen Cornell-Linie) zu einem Lafoa Chardonay aufgewertet. Und auch ihr Spitzenwein LR Bianco, die Hommage an den langjährigen Geschäftsführer Luis Raifer, ist in dieser Kategorie der großen Burgunder zuhause, wenn auch der Blend aus Chardonnay und Weißburgunder einige Prozent Sauvignon Blanc enthält. 

Beim Weißburgunder gibt es in Südtirol stets Neues zu entdecken, hier trauen sich die Kellermeister mehr und mehr an den High-End-Bereich heran. Sie loten aus, wie viel Charakter ein burgundisch ausgebauter Weißburgunder haben kann. Damit meine ich nicht die exzessiven Noten vom kleinen Holzfass, sondern vielmehr die rassige Säure gepaart mit der Mineralität der Südtiroler Böden. Dafür steht zb der neue Weißwein von Muri-Gries, die Weißburgunder Riserva aus Lagen in Eppan, der mit etwas mehr als 20 € sehr preiswert ist. Diese Grenze markiert den Einstiegsbereich für große Burgunder in Südtirol. Und in diese Kategorie der spannenden Weißburgunder um die 20 € gehören auch die neue Riserva von Girlan, der biodynamisch erzeugte Eichorn von Manincor, der Vorberg von Terlan und der ein oder andere Wein der Weingüter. Der an Fläche kleine Winzer Martin Abraham, hat gleich drei Versionen seines holzausgebauten Weißburgunders am Start. Neben  „In der Lämm“ und „Vom Muschelkalk“, dokumentiert auch der Wein Art Pinot Blanc Martins Vorstellung vom Kunstwerk Weißburgunder, der von alten Pergola-Reben stammt. 

Qualität hat seinen Preis, damit setzt auch die Genossenschaft in Kaltern oder St. Pauls ein Statement für den Weißburgunder. So ist das sogenannte Kunststück, das den besten Wein des Jahrgangs in der Magnumflasche mit Künstleretikett dokumentiert, für 2014 ein Weißburgunder. Und St. Pauls hat mit dem Sanctissimus nicht nur einen echten Ausdruck des Terroirs, sondern darüber hinaus einen Wein geschaffen, der sich über Jahre in der Flasche entwickeln wird. Diese Erfahrungen sind für alle – Weinliebhaber wie Kellermeister - enorm wichtig, und in diese Richtung arbeiten die begabten Südtiroler Kellermeister. 

Der Weißwein Troy 2015 zum Beispiel ist noch gar nicht auf dem Markt, es ist ein Chardonnay, burgundisch und gleichzeitig südtirolerisch im Stil. Seien Sie gespannt, wer diesen im Oktober lancieren wird! Und gut informierte Quellen flüstern, dass im nächsten Jahr eine weitere Genossenschaft mit ihrem Topburgunder, einem Weißen wohlgemerkt, auf den Markt kommt. Nach einigen Jahren des Experimentierens ist sich der Kellermeister nun sicher, dass er gut genug ist und in der ersten Liga mitspielen kann. Es passiert viel in Südtirol, seien Sie nicht nur Zaungast, sondern mit uns mittendrin!