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Ein Gebirge mit verschneiten Gipfeln, so einsam wie tibetisches Hochland, liegt mitten in Italien. Die Abruzzen sind irgendwie aus der Zeit gefallen. Zwischen quirligen Adriastränden, nur eine Autostunde von Rom entfernt, taucht man in eine Welt von Trutzburgen, Bergwiesen und Klosterkirchen ein. Skurrile Bräuche und Menschen inklusive. die Abruzzen sind eine matte Perle, die erstmal poliert werden muss.

In Strandnähe pulsiert das Leben

„In die Berge? Che follia!“, wehrt der Wirt des Miramare ab, als wir ihm erzählen, dass wir uns das Maiella-Massiv ansehen wollen. Auf dem Teller landet gerade eine Portion Gambas mit dicken Bohnen, die Kombination von Meeresfrüchten und Produkten aus dem Hinterland, die für die Abruzzen so typisch ist. „Aber deshalb muss ich nicht gleich in die Berge fahren“, sagt der Wirt und zeigt mit einer stolzen Geste zum Fenster. Draußen, hinter der Uferpromenade des Adria-Städtchen Giulianova, spannt sich ein dunkeltürkisblauer Teppich, vor dem ein paar Palmenblätter in der Septemberluft hin und her wedeln. Es kommen gratinierte Miesmuscheln und crudità: roher, fein gehobelter Pulpo und Knurrhahn mit Fenchel. Zu all dem trinken wir den Montepulciano d’Abruzzo, der irgendwie nicht richtig munden will. Zu tintig, zu stumpf. Der Rest der Welt schwärmt von seiner Weichheit. Aber er passt nicht wirklich in die mediterrane Szene, so wie die Abruzzen das Meer eigentlich auch nicht lieben.

Fischfang ohne Kiel und Ruder

Die Küste ist gespickt mit Stegen, die an Pfahlbauten enden, aus denen staksige Latten ragen. Von diesen trabocchi aus Akazienholz wurden früher Fischernetze ins flache Wasser abgelassen. Nach einem Tag auf dem flachen Sandboden zog man sie ruckartig aus dem Wasser und hatte einen ordentlichen Fang. Viel weiter aufs Meer brauchte man nicht. „Heute fahren Fabrikschiffe mit Radarortung raus, da brauchst du dein Glück nicht mehr zu versuchen“, sagt später ein Fischer. Die meisten der Hütten aus Akazienholz dienen heute als Restaurants. An die Abende über dem Wasser erinnern sich Touristen zu Hause mit Wehmut. Einheimische sieht man dort selten. 

Landwirtschaftlich geprägt

Wenige Kilometer weiter im Inland spricht kein Mensch mehr von Meeresfrüchten. Die Weingärten der Abruzzen und damit das wirkliche Einsatzgebiet des Montepulciano beginnen nur ein paar Kilometer landeinwärts, wo das Hinterland mild und grün und fruchtbar ist. Zwischen den Olivenbäumen wachsen Robinien. Haine mit Nussbäumen und Eichen lassen Lebensraum für kleine Wildtiere. Hier ersetzen Schmorgerichte und Eintöpfe die Meeresfrüchte. Nur vereinzelt sind im Hinterland größere Anwesen in die Landschaft gesprenkelt. Zweistöckige Bauernhäuser, in denen mehrere Generationen mitsamt Landarbeitern unter einem Dach lebten, bevor sich die rissigen Fensterläden das letzte Mal schlossen. Nicht wenige der alten Höfe modern vor sich hin. Oft sieht man bescheidene Bauernkaten mit Kleinvieh, Obst- und Gemüsegarten. Die Scholle gibt was her; Wein, Oliven und Weizen wachsen gut in dem milden Klima.

Der Glaube machts

Hält man an einer der vielen Klosterkirchen auf dem Weg an, kann man im Innern eine auf ganz andere Art schroffe Welt entdecken. Auf dem Fresco der Kirche Santa Maria in Piano in Loreto Aprutino laufen Seelen über eine Brücke.
Manche stürzen hinunter und fallen in den Vorgarten des Paradieses, wo die Tage nur aus Tanzen und Amüsement bestehen. Manche Seelen landen im Fluss, und darin fließt siedendes Pech. In den Abruzzen gibt es Auferstehungsfeiern, zu denen Maria im Festgewand auftritt, als wäre Jesus Christus ein Popstar, und Osterprozessionen, bei denen lebende Nattern auf einer Heiligenfigur herumkriechen. Die Reptilien werden dazu eigens aus dem Winterschlaf geweckt und sollen die Zukunft voraussagen. Trotz der zahlreichen Kirchen haben viele Feste heidnische Wurzeln. Feuerwerke, Schilffeuer und Armbrustwettschießen sollen meistens irgendetwas vertreiben.

Frei von Klischees...

Diese Abruzzen bedienen kein gängiges Italien-Klischee. Nichts erinnert hier an die schnurgeraden Sandstrände der Adria, die ziselierte Kulturlandschaft der Toskana oder das sprühende Selbstbewusstsein der Römer. Auch Zypressen sucht man vergeblich und Renaissance-Paläste auch.
Nicht einmal wirkliche Städte gibt es. Zumindest keine großen, weil das Land schon ewig geknechtet wurde. In den isolierten Lagen und schwierigen Böden beuteten Großgrundbesitzer die Bauern bitter aus. Sie sorgten für sich und ihren Besitz, während die landlose Bevölkerung arm blieb. Größere Gemeinwesen konnten sich kaum entwickeln.
Erst in den sechziger Jahren erlebten die Abruzzen ein erstes Wirtschaftswunder. Langsam aber stetig hat sich seitdem mittelständische Industrie angesiedelt. Im ganzen Land berühmt sind die abruzzesischen Nudeln. Aber auch wer Konsumgüter wie Jeans, Autoscheiben, Cola-Dosen, Koffer, CDs, Keilriemen, Möbel sein Eigen nennt, besitzt mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Produkt „Made in Abruzzo“.

... dafür von unvergleichlichem Reiz

Der Apennin, der Gebirgsrücken, der sich über den ganzen italienischen Stiefel zieht, erhebt sich in den Abruzzen zu seiner größten Höhe. Ganz anders als der Rest der Region ist das weitläufige Bergland im Westen in vieler Hinsicht unberührt.
Den Abruzzesen ist das Hochland suspekt, es ist kaum besiedelt oder durch Landbau und Industrie zerstört. Rund zwei Drittel der Provinz bestehen aus Gebirgszügen mit den größten Naturschutzgebieten Italiens. Das wildschroffe Gran-Sasso-Massiv gehört dazu mit dem fast 3.000 Meter hohen Corno Grande. Bergseen, unberührte Wasserfälle und der südlichste Gletscher Europas begeistern Naturtouristen. Wer den Weg macht, bekommt eine seltene Pflanzen- und Tierwelt gratis. Gämsen, Adler, Wanderfalken, Wildkatzen, Fischotter stellen die Population des völlig intakten Ökosystems.
Endemischer Einwohner ist der Apenninwolf, der fast ausgestorben war, und selbst eine Unterart des Braunbären hat kein Problem mit dem Habitat. Die Bergwelt sieht so vertraut aus wie die Alpen, bietet aber eine höhere Schneesicherheit und ist deshalb unter Skifahrern eine Empfehlung.
Am Westrand fällt das Gebirge in das Hochplateau Campo Imperatore ab. Auf über 1.500 Metern Höhe erstrecken sich Tundrawiesen mit drahtigen Gräsern ohne Bäume und erinnern an ostasiatische Steppen. Klein-Tibet sagen die Einheimischen. Die italienische Sonne taucht die Berge oft in ein warm glänzendes Licht, das die Gipfel aufleuchten lässt. Im Sommer verwandelt sich die Steppe in eine Blumenwiese mit bunten Orchideen und Narzissen. Botaniker haben ihre helle Freude an der Flora. Seltene Pflanzen, von denen es manche nur hier gibt, blühen einfach am Wegesrand.

Filmreif

Beliebt ist die unwirkliche Kulisse auch bei Filmemachern. Die Landschaftsaufnahmen zu dem Mittelalter-Monumentalfilm Der Name der Rose entstanden in der Einsamkeit des Campo. Außer Sean Connery ritt Franco Nero als sprachökonomischer Rächer des Italo-Westerns Keama über die Hochebene. Michelle Pfeiffer schwebte als verfluchte Isabeau d’Anjou durch den Phantasy-Schmachtfetzen Der Tag des Falken.
Viele Italiener lernen die Einsamkeit und die perfekte Stille der Ebene erst nach und nach kennen. An kleinen Hütten, die über das Tal verteilt und für jedermann offen sind, treffen sich Radfahrer, Biker und Camper. Eine bessere Szenerie für ein Picknick gibt es auf der Welt nicht. In Sichtweite der gezahnten Gipfel gibt es salciche in Öl mit Orangenschalen und Rosmarin und ventricina, die würzigen Schweinswürste, mit gegrilltem Brot. Andere packen Pecorino aus, coppa mit Kräutern und geschmortes Kaninchen, gefüllt mit Leber und Steinpilzen.
Dazu steuert jeder noch eine Geschichte bei, darüber, wie seine Mama das Kaninchen mit gekräuterter coppa verfeinert und die nonna den sugo noch im Terracottatopf gekocht hat.
Nur 50 Kilometer weiter liegen die Touristen am weißen Adriastrand von Giulianova. Wer seinen Sonnenschirm und die Liege für ein kleines Bad allein lässt, sieht vom türkisblauen Wasser aus den schneebedeckten Gipfel des Gran Sasso.
Doch kaum einer ahnt, dass es so nah an diesem Leben zwischen Sonnencreme und Eis am Stiel ein ganz anderes gibt: ein Leben mit arrosticini, Lammspießen, für die die Abruzzesen spezielle Grills haben. Darauf wird das Fleisch rauchig und zart. So nimmt es die milden Tannine des Weins genauso perfekt auf wie das knusprige Fett die Säure. Genau dann weiß man, warum der Montepulciano d’Abruzzo ein genialer Wein ist. (Matthias Stelzig)