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Das Friaul - oder genauer Friaul Julisch-Venetien - ist eine historisch gespaltene Region. Die Menschen dort kehren ihre Qualitäten selten nach außen. Aber Experten sind sich einig: in dem Landstrich zwischen Österreich, Slowenien und dem Mittelmeer gibt es den feinsten Schinken und den raffiniertesten Weißwein Italiens. Bislang erst von wenigen Kennern bereist, ist diese Region mit den städtischen Zentren Udine und Trieste sich immer treu geblieben – auch beim Charakter ihrer Reberzeugnisse.

Die Triestiner lieben das Meer

Wer spätnachmittags im Caffè Urbanis in Trieste seinen Espresso verschüttet, tut sich damit in mehrfacher Hinsicht nichts Gutes. Nicht nur nimmt er sich den Kaffeegenuss, weil das Heißgetränk dort in bester Qualität serviert wird, sondern gefährdet auch die Business Outfits seiner Nachbarn. Trieste ist Hauptsitz des Kaffeerösters Illy und seiner Università del Caffè. In den Apero-Bars um die Piazza dell’Unità stehen die Gäste nach Feierabend dicht gedrängt, und dabei verhaken sich schon mal Gucci-Embleme in Bulgari-Manschettenknöpfen. Deren Träger liefen noch bis eben durch die Büroetagen von Unternehmen wie Generali.

Von Versicherungen und Kaffee

Der Versicherungs-Multi hat sich hier schon vor 100 Jahren mit einem klassizistischen Prachtbau sein Denkmal gesetzt und reichlich Nachahmer gefunden. Regierung und Stadt leisteten sich je einen Palazzo, ebenso der Konzern Lloyd Trieste. Deshalb sind die Straßen um den Platz heute gesäumt von ornamentverzierten Fassaden. Während die Sonne langsam in der Adria versinkt – die vierte Seite der Piazza ist offen zum Meer-, glühen die mit Goldintarsien versehenen Sandsteinmauern mit ihren Skulpturen, als wollten sie das ganze Haus in Gold verwandeln. 

Triest ist schön und multikulturell

Trieste ist die Bilderbuchversion einer reichen Handelsstadt. Ab 1382 hatte es zu Österreich gehört, das es für lange Zeit zu seinem wichtigsten Handelshafen und Marinestützpunkt ausbaute. Der Kalte Krieg drängte Trieste und die gesamte Region zwar in eine Randposition. Doch innerhalb der EU der 27 Mitgliedsstaaten liegt die Stadt im extremen Nordostzipfel Italiens wieder mittendrin. Innenstadt und Canale Grande sind herausgeputzt; und nicht wenige der Bohnen für sechs Millionen Tassen Illy-Kaffee, die täglich getrunken werden, werden in dem geschäftigen Adriahafen verladen. 

Weißweine erobern die Welt

In den letzten Jahren ist auch eine ganze Menge Wein aus Friaul dazugekommen. Viele der Frachtschiffe nehmen Kurs auf New York, wo sich die Weißweine eine gute Reputation erarbeitet haben. Doch kennt kaum jemand die Region, aus der die Tropfen stammen. Wer die Hauptstraße von Trieste Richtung Norden entlang der slowenischen Grenze in die Berge fährt, erlebt auch kein Klischee-Italien. Wer die Weine des Friaul sucht, reist in eine Welt ohne Glamour, dahin, wo Trieste Trst heißt, weil die Einwohner zu Hause italienisch und slowenisch sprechen und wo viele finden, dass sie für die reichen Städter Menschen zweiter Klasse sind. Andererseits laufen die Städtchen wie Gorizia oder Cormòns kaum Gefahr, als der unvermeidliche Geheimtipp im nächsten Webportal aufzutauchen, um sich dann bei näherem Hinsehen doch nur als weiteres Touristendorf zu entpuppen, in dem Leute ihr Geld mit Gipsmadonnen und Schlüsselanhängern verdienen. Stattdessen bekommt man in den hübschen Orten das, was man so selten bekommt, wenn man es sucht: Authentisches Leben.

Lifestyle auf italienisch

Die Leute trinken ihren Espresso in uralten Bars mit dunkler Holzvertäfelung. Und wer sich für eine Stunde vor das Longobardo am Marktplatz von Cividale del Friuli setzt, bekommt 60 Minuten echten italienischen Lifestyle vorgeführt. In aller Regel ohne Digitalkameras und Stadtplan wälzende Kulturtouristen.
Dabei hätten die genug zu sehen, so wie das über 1.000 Jahre alte dreieckige Kloster Santa Maria in Valle südlich des Marktplatzes. Von dessen ebenfalls dreieckigem Innenhof mit dem zauberhaften Säulengang und dem Brunnen tritt man in die kleine Kapelle. Darin wölbt sich ein romanischer Fries, auf dem rankende Reben und dicke reife Trauben aus dem Stein gearbeitet sind. Das gibt es kein zweites Mal auf der Welt.
Um das Jahr 1200 entstand in Cividale ein silberner Altaraufsatz mit lateinischer Inschrift. Die Buchstaben wurden mit vorgefertigten Werkzeugen eingeschlagen, mehr als 200 Jahre bevor Johannes Gutenberg den Buchdruck erfand. Palazzi, Kirchen und Klöster machen aus vielen Plätzen historische Schmuckstücke.

Nicht ohne Wenn und Aber

Nicht nur Triest, erst recht das Anbaugebiet Collio ist nicht ohne Wenn und Aber italienisch. Die rätselhaft erscheinenden Begriffe auf vielen Weinetiketten wie Klin, Col Disôre, Pomédes oder Segrè sind Furlan, die lokale Sprache, die dem Katalanischen fast mehr ähnelt als dem Italienischen. Auf den Straßen sind die Ortsnamen zweisprachig angegeben. Und der größere Teil des Collio liegt in Slowenien.

Blutige Vergangenheit

Wechselnde Herrschaften und Einflüsse gab es in fast allen europäischen Regionen. Unvergleichbar heftig trafen die Region aber die Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts. Im I. Weltkrieg tobten hier zwölf der blutigsten Materialschlachten. Mehrere 100.000 Soldaten starben bei den Kämpfen zwischen Italien und Österreich-Ungarn im Trommelfeuer, bei Giftgasangriffen, durch Minenwerfer und an Typhus. In diesen Isonzo-Schlachten, die am Ende nicht kriegsentscheidend waren, wurden Bergen die Gipfel abgesprengt und das prächtige Gorizia schwer zerstört.
Auch der II. Weltkrieg brachte verheerende Kämpfe. Und am Ende verlief die Grenze zwischen Italien und Jugoslawien mitten durch Gorizia. Am Bahnhofsplatz, der Piazza Transalpina, grenzte jahrelang Nato-Territorium an das des Warschauer Pakts. Erst seit 2004 mit Sloweniens EU-Beitritt ist die Teilung endlich Vergangenheit.

Sich selbst vertrauen

Das Collio hat dem Rest der Welt verziehen – und vertraut vor allem auf sich selbst. „Mein Weingut ist im italienischen Katasteramt aufgeführt“, sagt etwa Edi Keber, Winzer in dritter Generation. Sein Vater musste sich mit österreichischen Behörden herumschlagen. Den Großvater schikanierten slowenische Verwaltungsangestellte. Wenn man ihn nach seiner Nationalität fragt, nimmt er seine Gäste manchmal mit in den Keller, den sein Großvater in den Berg getrieben hat. Die stabile Struktur hat sich bewährt, und ganz hinten, vorbei an uralten Fuderfässern und modernen Stahltanks, hat er in einer Nische ein kleines Regal. Dort zieht er eine Flasche Bianco aus dem Jahr 1968 hervor. Das war der erste Jahrgang mit der offiziellen DOC-Bezeichnung, an der Umsetzung hatte sein Vater großen Anteil. Edi zeigt auf die Banderole mit der Abfüllnummer 001. Den würde er nicht für einen Diplomatenpass tauschen.

Weiß-rosa Gotik in Udine

Udine, die zweitgrößte Stadt Friaul-Julisch Venetiens, bildet einen krassen Kontrast zum Klassizismus von Triest. Wer vor der Stadtmauer parkt, kann direkt zum Schloss gehen und über den parkartigen Vorplatz schlendern, die alte Steintreppe hinunter auf die Piazza della Libertà und in ein kleines Zauberland eintauchen. Durch den Ortskern führen Gassen mit Kopfsteinpflaster, in denen sich die üblichen Palazzi finden. Der schönste unter ihnen ist jedoch wie zum Trotz gotisch, gewagt gestaltet für einen Venezianer in rosa-weiß gestreift. Von den prächtigen Brüstungen der Loggia del Lionello kann man zusehen, was die Udinenser auf der Piazza mit der großen Freiheitsstatue so treiben.

Leben mit Wein

In Udine beobachtet man im Konzentrat, was für die ganze Region gilt: Hier leben Leute mit Wein – und nicht erst, wenn sie über fünfzig sind. Am liebsten auf einem der vielen Märkte oder Feste. Dann bummeln Gott und die Welt umher, Menschen mit slawischem Gesichtsschnitt beäugen Antiquitäten, luftgetrocknete Schinken oder die Band des Festivals. Meistens hallen dann Polka-Rhythmen durch die Straßen.

Zu jeder Tageszeit

Wie fast immer in bergigen Regionen ist das Essen nahrhaft und deftig, wie Lasagne mit geräuchertem Käse oder Eintopf mit Sauerkraut beweisen. Dazu gibt es in manchen Bergdörfern kartuffla. Fricos, Käse-Kartoffelkuchen aus der Pfanne. Die passen hier nicht nur zu jeder Tageszeit, sondern auch zu jedem Wein. San-Daniele-Schinken, sicher das feinste Produkt der Region, harmoniert bestens mit der bodenständigen Rebsorte Friulano. Insgesamt changiert die Speisekarte oft zwischen italienisch und deftig österreichisch wie beim Gulasch mit Polenta oder Schweinenacken in salsa bechamela.

Auf hohem Niveau

Nichts desto Trotz schaffen Friauler Köche das, was Köche auf der weiten Welt immer gern für sich zum Leitsatz erklären und so selten einlösen. Souverän spielen sie mit den lokalen Zutaten, indem sie zum Beispiel mit Asino-Käse einen Touch von Wacholderrauch an einen Kürbisflan zaubern. Am Tisch trifft das Gericht dann auf einen blumigen Sekt, und beide gehen eine geniale Verbindung ein. Solches Können zahlt sich aus. Acht Restaurants im Friaul führen den begehrten Michelin-Stern, der für italienische Köche besonders schwer zu erkochen ist.
Auch Tonino Venica kocht auf hohem Niveau, indem er traditionelle Lebensmittel mit neuen Zubereitungsmethoden variiert. In seinem Restaurant Tavernetta Al Castello, katapultierte er sich ganz locker ins Universum der Haut Cuisine.
Die Friulaner haben dem Rest der Welt nicht nur verziehen, sie stecken ihn auch in die Tasche. (Matthias Stelzig)