Sizilien – ein Kontinent für sich, ein Potpourri aus Sonne, Meer, Natur, Geschichte und Kultur. Strandurlauber begeistert das vielfältige Eiland ebenso wie Hobbyarchäologen und Naturliebhaber. Die Küsten dieser südlichsten Insel Italiens sind zum Verlieben schön, die Großstädte quicklebendig, Antikes gibt’s auf Schritt und Tritt. Dazu noch eine multikulturelle Küche wie auch eine junge Weinszene. Und alles wird überragt vom Ätna, der sich immer wieder spektakulär austobt.

Eintauchen und staunen

Menschen, Vespas und dreirädrige Lieferwagen schieben sich vereint durch das Gewirr der engen Altstadtgassen. Vorbei an Marktständen, die schier überquellen von Fisch, Obst, Gemüse und zig anderen Gaben der Natur. Üppige Stillleben, wohin das Auge blickt. Dort glänzt eine Pyramide von Seeigeln in ihren schwarzblauen Stachelkleidern, daneben eine silbrige Kaskade aus zarten Sardinen und ein dunkelrosa Gemälde aus Rotbarben. Säcke, Kisten und Eimer voll mit Tintenfischen, Muscheln, Krebsen und Schnecken stehen auf dem glitschigen Kopfsteinpflaster. Bizarre Drachenkopffische, prächtige Zackenbarsche und schwarz gepanzerte Hummer liegen wunderschön drapiert auf einem Bett aus gestoßenem Eis. Dahinter schwingen Verkäufer in orangefarbenen Plastikschürzen die blutverschmierten  Messer und zerteilen die prallen Leiber riesiger Schwertfische.

Schlaraffenland Sizilien

Die Obst- und Gemüsestände wirken, als hätten Maler ihre Pinsel tief in alle Farbtöpfe getaucht: Berge von wildem Fenchel in zartem Grün,umgeben  von violetten Auberginen, blutroten Tomaten, königsblauen Feigen und knallgelben Zitronen. Angesichts der schwindelerregenden Vielfalt an Oliven, Rosinen, Pistazien, Pinienkernen und Hülsenfrüchten gehen die Augen über. Die Luft ist durchzogen von Gerüchen; der Duft des Meeres und die Aromen der Zitrusfrüchte und Gewürze mischen sich mit den Abgasen der Zweitakter und dem Rauch der allgegenwärtigen Holzkohlengrills. Und es ist so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht: Hausfrauen feilschen lautstark mit den Geflügelhändlern, werden übertönt vom Geknatter der Motorräder und den lautstarken Verkaufsarien der Händler, die an die Gebetsrufe der Muezzine erinnern.

Die Seele Siziliens - mitten in Palermo

Die Vucciria in Palermo – sie ist einer der schönsten, wenn nicht der schönste Markt im Mittelmeerraum. Hier herrscht ein Trubel wie auf einem orientalischen Bazar. Es ist so voll, als sei ganz Palermo auf den Beinen. Ein unglaubliches Spektakel, das sich gegen Mittag wie eine Fatamorgana in Luft auflöst, das man aber auch in anderen Stadtteilen Palermos, in Catania und vielen weiteren Städten und Dörfern Siziliens erleben kann! Auf den Märkten der Insel treffen Okzident und Orient aufeinander; sie sind der Bauch, das Herz und die Seele Siziliens. Hier findet man vieles in komprimierter Form, was Sizilien so einmalig und reizvoll macht: die Landschaften, die Geschichte, die Kultur und die Menschen. 

Magie pur

Zu den Reizen, mit denen Sizilien wahrlich nicht geizt, gehören natürlich auch die fast schon magischen Landschaftskompositionen. Da gibt es eine Bergwelt mit schneebedeckten Gipfeln, tiefen Schluchten und kargen Hochplateaus, aber auch fruchtbare, von Flussläufen durchzogene Ebenen mit schier endlosen Gemüseplantagen und ausgedehnten Wiesen.
Man kann sich an grüngoldenen Korn- und Rebfeldern sattsehen und uralte Oliven-, Zitrus- und Mandelhaine entdecken. Weite Dünenlandschaften, windgepeitschte Macchia und glitzernde Salzgärten prägen einen weiteren Teil der Insel, schwarze Lava und farbenprächtige Blumenmeere einen anderen. Das alles ist umrahmt von wunderschönen Küsten, die mal schroff und zerklüftet steil in Meer fallen, mal mit weißen Sandstränden sanft in die türkisfarbene See auslaufen. Und über all dem thront der Ätna, der ständig kleine Rauchwolken in den meist strahlend blauen Himmel pustet, aber auch immer wieder mit feurigen Fontänen und Lavaströmen von sich reden macht.

Begehrte Insel

Nicht nur wir Touristen wissen die schöne Insel zu schätzen. Dank der zentralen Lage im Mittelmeer war sie immer schon immer ein Objekt der Begierde, um das zahllose Kriege geführt wurden. Zudem war Sizilien wegen der 1.000 Kilometer langen Küstenlinie so gut wie nicht zu verteidigen und eignete sich wegen seiner enormen Größe von rund 26.000 Quadratkilometern – Mallorca bringt es mal gerade auf 3.640 Quadratkilometer – und der fruchtbaren Böden auch optimal zur Besiedlung. So wurde Sizilien zum Zankapfel der Weltgeschichte.

Beherrscher und Unterdrücker

Fast jede Großmacht war schon da, als Beherrscher, Unterdrücker, Ausbeuter. Zuerst kamen die Phönizier, Karthager, Griechen und Römer. Dann gaben sich die Vandalen, Goten, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer, Franzosen, Spanier und Österreicher die Klinke in die Hand. Einige der fremden Herrscher brachten Elend und Inquisition, Zerstörung und verbrannte Erde. Andere brachten Sizilien immer wieder zur Blüte – und zwar auf vielfältigste Art und Weise.

Schmelztiegel der Kulturen

Die Hellenen kultivierten den Wein- und Olivenanbau und gründeten Syrakus, das mit bis zu einer Million Einwohnern zu den mächtigsten Städten der antiken Welt zählte. Die Römer betrachteten Sizilien als Kornkammer ihres Imperiums, verbesserten die Verkehrsinfrastruktur und bauten wunderschöne mosaikverzierte Villen. Die Araber verwandelten die Insel in eine blühende Oase – im wortwörtlichen Sinne durch ihre Bewässerungstechniken, im übertragenen Sinn durch die Förderung von Wissenschaft und Kunst. Die normannischen Herrscher wiederum brachten Sizilien eine tolerante Gesetzgebung und Religionsfreiheit, florierenden Handel sowie zahlreiche Bauwerke im multikulturellen Stil wie den Dom in Palermo. Die Feudalherrschaft der Spanier und Franzosen führte vor allem zu Hungersnöten, bevor der italienische Freiheitskämpfer Guiseppe Garibaldi für den Anschluss Siziliens ans italienische Königreich sorgte.

Das Temperament der Vorfahren

So ist es kein Wunder, dass die Sizilianer das unterschiedliche Temperament ihrer vielen Vorfahren in sich vereinen: Lebensfreude wie Schwermut, Verschlossenheit wie Beredsamkeit, Stolz wie Demut, Misstrauen wie Familiensinn, Apathie wie Mobilität, Liebe wie Verzweiflung, Hass wie Glaube, Gastfreundschaft wie Zurückhaltung, Genügsamkeit wie kulinarische Leidenschaft.
Letztere ist bei den Sizilianern sehr ausgeprägt. Sizilianische Rezepte gibt es in Hülle und Fülle und dass sie sich lesen wie die Rezepturen der multikulturellen Küche, erstaunt in Anbetracht der wechselhaften Geschichte der Insel wenig.

Pesce, pasta und dolce

Eine kulinarische Hauptrolle spielt der Fisch, allen voran pesce spada, der Schwertfisch. Schlicht, aber ergreifend auf dem Grill zubereitet oder raffinierter alla ghioto mit Zwiebeln, Knoblauch, Oliven und Kapern. Publikumsliebling ist die Sardine, die oft als paste con le sarde – Makkaroni mit Sardinen, Pinienkernen, Safran und Samen von wildem Fenchel – auf den Tisch kommt. Oder als sarde a beccafico – köstliche gebackene Sardinenwickel, gefüllt mit Zwiebeln, Knoblauch, Pinienkernen, Rosinen und Bröseln. Eine echte Kulinarie ist auch der sizilianische rote Thunfisch.
Wie alle Italiener sind natürlich auch die Sizilianer leidenschaftliche Pasta-Fans. Sie erfanden die makkaroni! Noch heute stellen die Hausfrauen der Insel diese Nudelart per Hand her. Bestseller unter den typischen sizilianischen Nudelgerichten ist die pasta alla norma: Makkaroni mit gerösteten Auberginen, Basilikum, Tomaten und gehobeltem Ricotta. Dieses Gericht ist eine Hommage an Catanias größten Sohn, den Opernkomponisten Vincenzo Bellini und seine Oper Norma.
In der Abteilung Süßspeisen entpuppt sich der Sizilianer als orientalisches Schleckermaul. Schon morgens liebt er eine granita – Halbgefrorenes aus Fruchtmark, Mandelmilch oder Kaffee. Immer eine Sünde wert ist die cassata siciliana, eine Schichttorte aus Biskuit und Ricotta mit kandierten Früchten. Und nicht zu vergessen die mit süßem Ricotta gefüllten luftigen Teigröllchen namens cannoli und die paste reale, Gemüse und Obst aus Marzipan – zum Reinbeißen.

Ein Geschenk der Götter

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Inselweine. Die junge Generation der Winzer hat längst die ausgetretenen Pfade verlassen und hebt die Schätze, die in den heimischen Rebsorten verborgen liegen. Schätze, die es zu entdecken gilt, wie so vieles auf dieser Insel, die die Griechen ein Geschenk der Götter nannten.
Ein Geschenk für Besucher mit offenen Sinnen ist Sizilien allemal, und zwar egal, in welche Himmelsrichtung man sich bewegt. Mit anderen Worten: In Sizilien ist fast jeder Schritt ein Hit! (Angelika Arians-Derix)