Alpine Bergkulissen und Palmen, Traditionsbewusstsein und mediterrane Leichtigkeit, Alpenbarock und avantgardistische Architektur, Folklore und moderner style − Südtirol ist wahrlich mehr als einen Blick wert. Und auch mehr als einen Schluck! Denn jenseits des Brenners versetzen engagierte Winzer quasi Berge, um so anspruchsvolle wie süffige Weine zu produzieren.

Ein Rosengarten in der Abensonne

Sie sind von beeindruckender Schönheit, diese bleichen Felstürme des Rosengartens, die vor Jahrmillionen als Korallenriffs im tropischen Meer entstanden. Schon tagsüber, wenn sich ihre gewaltigen Zacken in den tiefblauen Himmel recken, schlägt das Herz jedes Naturliebhabers höher. Aber wenn die Abendsonne sie in Flammen setzt, dann stockt einem angesichts der in magischem Rosarot leuchtenden Dolomitengipfel schier der Atem. 

Bergwelt von glasklarer Schönheit

Nicht minder atemberaubend sind die markanten Felswände der Drei Zinnen im Hochpustertal, das wild zerrissene Bergmassiv des Langkofel mit seinen vielen Türmen oder die glitzernden Gletscher des mächtigen ragenden Ortler – doch auch das sind nur die Highlights der spektakulären alpinen Szenerie mit mehr als 300 steinernen Riesen, die oft weit höher als 3.000 Meter aufragen.  Sie bilden mit den endlos weiten sattgrünen Almen, den kristallklaren Bergseen, den märchenhaften Wäldern aus dunkelgrünen Latschenkiefern und wildromantischen Schluchten ein überaus reizvolles Landschaftsmosaik. Es wird noch ergänzt durch die malerischen Täler, in deren mediterranem Klima Feigen, Palmen, Granatäpfel und Oleander gedeihen, die im Frühjahr von den weißen Blüten der großen Apfelplantagen überzogen sind und deren Rebgärten an den Flanken der Berge nach oben klettern. 

Vom Bauern zum Gastronom

Der Fülle an Naturschönheiten, aber auch dem mediterran geprägten Klima verdankte es Südtirol, dass es sich schon früh zu einem beliebten Urlaubsziel entwickelte. Die Naturschönheiten begeisterten und man sprach deutsch. Den Südtirolern war es recht. Schließlich lebten sie weitgehend von der Landwirtschaft – und das auf kleinstem Raum. Auch wenn Südtirol mit rund 7.400 Quadratkilometern – etwa der dreifachen Fläche von Luxemburg – zu den größten Provinzen Italiens gehört: Mal gerade drei Prozent sind bewohnbar, und nur ein Drittel der Fläche kann – teils nur mühsam – landwirtschaftlich genutzt werden. Der Rest: Fels und Wälder. Also stieg so mancher Südtiroler Bauer einfach um, vermietete Gästezimmer, verwandelte sein Domizil hoch in den Bergen in eine Pension, wurde zum Kellner oder Gastronomen.

Der Tourismus boomt

Spätestens mit der Fertigstellung der Brenner-Autobahn vor rund 35 Jahren wurde der Tourismus zum bedeutendsten Wirtschaftsfaktor, wobei die Deutschen rund die Hälfte der jährlich fünf Millionen Touristen ausmachen. Der Fremdenverkehr, gepaart mit landwirtschaftlichen Erfolgsprodukten wie den selbst in China beliebten Äpfeln, brachten den 500.000 Einwohnern Südtirols Wohlstand – ein Status, den es zu halten gilt.

Im Trend

Seit Südtirol Gefallen daran gefunden hat, sein verstaubtes Image abzulegen, zieht es auch die Trendsportler nach Südtirol. In St. Vigil bei Bruneck hangeln sich Adrenalinjunkies an Drahtseilen über Hänge und Schluchten von Baum zu Baum. Auf der Ahrn wagen die Rafter den wilden Ritt über Stromschnellen den Fluss hinunter. Von den Drei Zinnen springen mutige Basejumper in die Tiefe, am Reschensee trifft sich die internationale Snowkite-Elite, und am Ritten düsen die Downhillbiker über Stock und Stein.

Almhüttencharme gepaart mit Wellness

Hotels mit Almhüttencharme locken mit Infinity-Pools, auf den Bilderbuchbalkonen mit Herzschnitzereien steht Lounge-Mobiliar, in Wellness-Oasen setzt man auf die heilenden Kräfte der Natur – von Peelings mit Vinschgauer Marmor über das Ultner Schafwollbad bis hin zu Treatments aus heimischen Produkten wie Kastanien oder Bergsalz. Hinter so mancher geschichtsträchtigen Hotelfassade verbirgt sich ein ultramoderner Kern.

Südtiroler Architektur - früher und heute!

Meran, die Kurstadt aus Sissis Zeiten lockt mit einem charmanten Mix aus Palmen und Gletscher, Tradition und Moderne. Hier uralte Laubengänge, herrliche Parks und Prachtbauten aus der Belle Epoque, dort großstädtischer Chic, moderne Kunst, zeitgeistige Fassaden und trendige Shoppingadressen. In der Landeshauptstadt Bozen ist man ebenfalls auf der Höhe der Zeit angekommen, ohne die traditionellen Wurzeln zu vernachlässigen. Die mittelalterliche Altstadt, deren enge Gassen von uralten Laubenhäusern mit prachtvoll bemalten Fassaden und schmucken Erkern gesäumt werden, hat bei aller Gediegenheit spritziges italienisches Flair.
In den gotischen Arkaden der Bozener Lauben locken die Südtiroler Designer mit stylischer, alpin inspirierter Mode. Nicht weit entfernt vom historischen Bau des Südtiroler Archäologiemuseums, in dem jährlich mehr als 250.000 Besucher die gut gekühlte Mumie Ötzi bewundern, finden Liebhaber zeitgenössischer Kunst den avantgardistischen Glaskubus des Modern Art Museums Museion. Und die Bozener Nächte können inzwischen auch so richtig lang sein.

Klasse statt Masse

Mit demselben Elan, mit dem die Südtiroler ihr touristisches Profil der Neuzeit anpassten, ging man auch als Weinland den Weg von der Massenproduktion in Richtung Qualität. Südtirol zählt zu den kleinen Weinregionen Europas, nur knapp ein Prozent der Weine Italiens stammt aus Südtirol. Der Weinbau vollzieht sich weitgehend in den Tälern von Etsch und Eisack, die sich bei Bozen treffen. Die Weingärten – in der Regel kleine Parzellen – ziehen sich von den Talsohlen über deren hügelige Ränder auf Terrassen die steilen Bergflanken empor.

Da Klima macht’s

Im Wesentlichen wächst der Wein auf Höhen von 200 bis zu 900 Metern. In den nach Süden hin geöffneten Tälern herrscht ein warmes mediterranes Klima, denn die Lage südlich des Alpenhauptkamms schützt das Anbaugebiet vor kalten Nordwinden. Es gibt aber starke Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht wie auch zwischen den Jahreszeiten, was ein schönes Gleichgewicht von Fruchtigkeit und Säure in den Trauben begünstigt.

Selbstvermarkter in der Minderheit

Nur rund 100 der insgesamt 5.000 Südtiroler Weinbauern verarbeiten ihre Trauben selbst zu Wein. Die anderen verkaufen sie an eine der 40 Privatkellereien und die 16 Kellereigenossenschaften. Ein Grund dafür ist, dass die meisten Weingartenbesitzer aufgrund der gebirgigen Lage nur einige relativ kleine Parzellen besitzen, die darüber hinaus auch noch verstreut liegen. Es lohnt sich einfach nicht, in eine eigene Kellerei zu investieren. Dafür ist der Ertrag zu gering, und die Wege sind zu weit. Insofern gründeten sich schon früh große Genossenschaften, die heute durch Traubenpreise, die deutlich höher sind als beispielweise im Süden Italiens, den Weinbauern ihr Grundeinkommen sichern, das durch Nebentätigkeiten wie den Apfelanbau ergänzt wird.

Innovation und Tradition

Auch in der Weinproduktion setzt man – wie im Tourismus – auf eine Kombination von Innovation und Tradition. Tradition, indem man den regionalen Rebsorten wie Vernatsch oder Gewürztraminer durch mehr Ausdruck und Charakter zu neuem Glanz verhalf. Innovation wiederum, indem international gefragte Sorten wie zum Beispiel Sauvignon Blanc oder Merlot mit ins Portfolio aufgenommen wurden. Vom Anbau der Reben bis zur Verarbeitung im Keller wurde mit fortschrittlichen Methoden und modernster Technik die Qualität der Weine konsequent vorangetrieben. Inzwischen hat sich Südtirol zum Produzenten für rote und weiße Spitzenweine gemausert, die höchste Anerkennung finden und Weintrinkern jeglicher Couleur eine enorme Bandbreite bieten. Weine mit Charakter, die so individuell sind wie ihre Macher.

Die Wegbereiter

Zu verdanken ist dies den Winzerpersönlichkeiten, die schon vor über 30 Jahren in ihrem konservativen Umfeld neue Wege beschritten. Dazu gehören neben Dr. Luis Raifer, dem ehemaligen Leiter der Kellereigenossenschaft Schreckbichl, auch Hans Terzer und Alois Lageder. Idealisten durch und durch, mit Respekt vor Traditionen, Kompetenz und Weitsicht, innovativen Ideen und dem Mut, diese auch umzusetzen.

Der Südtiroler Genusshimmel hängt voller Sterne

Der Innovationsschub machte auch vor den Küchen des Landes nicht halt. Man serviert zwar weiterhin die althergebrachten deftigen Spezialitäten des Landes wie die typische Brotzeit mit Südtiroler Speck, Käse aus Bergbauernmilch und Schüttelbrot, die Speckknödel, Schweinsrippen und Schlutzkrapfen. Man verwöhnt aber auch mit italienischen Raffinessen und kreativster Küche, die heimische Zutaten mit innovativen Zubereitungsmethoden paart. Da wird dann ein heimischer Rehrücken in Birkenlaub pochiert oder Risotto mit Latschenkieferpesto angerührt, knuspriges Spanferkel trifft auf Kaviar und Apfelstrudel auf Vanille-Espuma. Denn egal, ob urgemütliche Stube oder trendiges Szenelokal: in keiner anderen italienischen Provinz ist die Dichte an Sternerestaurants so groß wie in Südtirol. Womit das landschaftlich so reizvolle Genussland jenseits des Brenners in jeder Beziehung in der Moderne angekommen ist. (Angelika Arians-Derix)