Antonio Rallo, Lucio Tasca und Alessio Planeta mit dem Bürgermeister von Palermo Leoluca

Wein in Sizilien - Viel mehr als Nero d'Avola und Etna Rosso

Grillo, Catarratto, Syrah und Perricone einerseits und andererseits die Terroirs wie Noto oder Vittoria, die an Bedeutung gewinnen.

„Der Cataratto könnte der zukünftige Weißweinstar Siziliens sein“, sagt Maurizio Miccichè, Besitzer der Kellerei Calatrasi. Denn er kostet wenig, und es gibt davon unvorstellbar viel, mehr Wein, als im Südtirol, Trentino und Friaul zusammen erzeugt wird. Rund 30.000 Hektar Rebfläche sollen es heute noch sein. Sicher ist, dass es in der Vergangenheit deutlich mehr war. Denn Cataratto war die Hauptrebsorte für die einst florierende Marsala-Erzeugung im Westen der Insel. 

Marsala ist passé, und trockene Weißweine sind gefragt. Und mit Hilfe der kühlen, der Frucht dienlichen Gärung ergibt der Cataratto einen fruchtigen Weißwein, der aber rasch getrun- ken werden sollte. Ganz allgemein reifen Weine aus heißen Gegenden − vor allem aus den weniger edlen einheimischen Sorten − schneller als andere. Die große Hitze, die für den Marsala noch von Vorteil war, ist für die moderne Weißwein- erzeugung wenig förderlich. Durch sie werden nämlich die fragilen Fruchtaromen und die Säure am Weinstock zermürbt. Recht gut hingegen verträgt die ehemalige Marsala-Rebsorte Grillo die Hitze, weshalb er als trockener Weißwein von einigen Kellereien erfolgreich im Markt positioniert werden konnte. Andere Weingüter arbeiten lieber mit Insolia (Synonym Ansonica) oder dem Grecanico. Ein einheitliches Bild von sizilianischen Weißweinen existiert aber nicht − außer dass sie aus einer heißen Erde stammen und heute frisch schmecken.

Die Geschichte des mit Alkohol verstärkten Weins Marsala ist eine Erfolgsgeschichte vergangener Jahrhunderte. Einst beherrschte er den Markt. Heute führt Marsala nur noch ein Nischendasein; für viele ist er eher Kuriosität als Weinalterna- tive. Nur wenige Marsala-Häuser pflegen deshalb das histori- sche Erbe. Wer heute in die Marsala-Geschichte eintauchen will, kann das in den riesigen Hallen der Cantina Florio. Dort lagert der Marsala noch sehr lange in beeindruckend großen Holzfässern. Es kommt einer Offenbarung gleich, wenn man einen 20 Jahre jungen Marsala Vergine mit seinem Bernstein- ton, den Oxidationsnoten und dem fast salzigen Geschmack auf der Zunge hat. Anders als der handelsübliche Marsala wird diesem Vergine nämlich nur Weingeist und kein süßer Most zugesetzt. 

Für die Süßweinfraktion hält Sizilien mit dem Moscato di Pantelleria, dem Moscato di Noto und dem Malvasia delle Lipari gleich drei hocharomatische weiße Dessertweine bereit. Einzelne Winzer kultivieren dieses Kulturgut des Südens mit Erfolg, einzig vom Moscato di Pantelleria gibt es mengenmäßig mehr als einen Fingerhut. Es mag manche überraschen, dass es trotz des heißen und trockenen Klimas in Sizilien deutlich mehr Weißwein als Rotwein gibt. Dafür ist, wie gesagt, der Marsala verantwortlich. Seit Mitte der Neunziger ist jedoch der Rotweinanteil gewachsen, auch weil die einheimischen und neu angekommenen Weingüter internationale Sorten wie Cabernet, Merlot und Syrah gepflanzt haben. Diese Neupflanzungen befinden sich fast alle im Inselwesten in Reichweite der Hauptstadt Palermo. 

 

Im Südosten ein Roter 

Bis in den etwas abgelegenen Südosten der Insel hat sich bis- her kaum ein Weininvestor gewagt. Dabei ist die Gegend um Ragusa ein ganz bezauberndes Fleckchen Erde. In weniger als zwei Stunden ist man von Catania aus in einer der schönsten Städte der Insel. Hier ist die Luft noch trockener, das Licht noch gleißender, wenn es auf die weiß-grauen Kalkstein- mauern fällt. In der Nähe von Ragusa und der Stadt Vittoria wird ein Rotwein erzeugt, der es in sich hat. Der Cerasuolo di Vittoria − benannt nach der kirschroten Farbe des jungen Weins − verdient wahrlich Beachtung. Er ist ein aparter, fruchtbetonter Rotwein mit einem angenehmen Säurespiel. Erzeugt wird er aus den Rebsorten Nero d’Avola und Frappato, meist in gleichen Anteilen. Besonders der Frappato verleiht diesem Wein mit seiner präsenten Säure ein ansprechendes Fruchtspiel und die Eleganz, der es so manchen Rotweinen des Südens mangelt. Dazu trägt der Boden seinen Teil bei: roter, eisenhaltiger Sand auf einem Kalksteinbett, das schon in 30 bis 40 cm Tiefe beginnt. In Kombination mit der Abkühlung durch die Hügelkette Monte Iblei gerät hier auch die Rebsorte Nero d’Avola frischer, mineralischer als im Westen der Insel. Einziger Wermutstropfen ist, dass auch hier nur eine Handvoll Winzer an der Bekanntheit des Weines arbeiten. 

Cerasuolo di Vittoria Tipps
COS www.cosvittoria.it 
Arianna Occhipinti www.agricolaocchipinti.it
Avide www.avide.it  
Judeka www.judeka.com 
Manenti www.vinimanenti.it 
Valle d’Acate www.valledellacate.it  

Marsala, Lipari, Pantelleria:
Coste Ghirlanda www.costeghirlanda.it 

Cantine Florio www.cantineflorio.it
Caravaglio www.caravaglio.it 
Salvatore Murana www.salvatoremurana.com
Tenuta di Castellaro www.tenutadicastellaro.it

Weitere Empfehlungen für angesagte Rebsorten und Anbaugebiete gibt es im Sizilien Spezial

Steffen Maus und Matthias Stelzig bei der Verkostung von Assovini in Palermo im Mai 2018