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Riecine und Sean - Terroir im Chianti

Patrick Hemminger im Gespräch mit Sean O'Callaghan, Weinmacher, Ideengeber und die Seele des Weingutes Riecine*

* Mittlerweile haben sich die Wege getrennt und Sean arbeitet an eigenen Projekten.

Er ist einer der besten Sangiovese-Winzer Italiens: Sean O’Callaghan steht in staubigen Sneakers und abgewetzten Jeans auf den Stufen des unfertigen Neubaus seines Weinguts Riecine. Sein Haarschopf ist wild, der Bart ein paar Tage alt. Allein sechs Mal erhielt O'Callaghan vom Gambero Rosso drei Gläser, die höchste Auszeichnung. „Hallo“, sagt er und obwohl er seit Jahrzehnten nicht mehr dort lebt, hört man sofort, dass er aus England stammt.

Im Juni 2014 ist Riecine, gleich beim Örtchen Gaiole in Chianti gelegen, eine Baustelle. Investoren sind eingestiegen, sie glauben an die Zukunft des Chianti Classico und an O'Callaghan: Es gibt kaum etwas, das nicht neu gebaut und eingerichtet wird. „Komm“, sagt O'Callaghan, „ich führe Dich rum und dann probieren wir ein paar Weine.“ Der Neubau schmiegt sich in den Hang hinein. Im Inneren deutet O'Callaghan auf ein Dutzend grauer Betontanks, die im ersten Raum aneinandergereiht stehen. „Ich arbeite gerne mit Beton. Er erlaubt dem Wein eine leichte Oxidation, aber ohne Tannine an den Wein abzugeben wie Holzfässer“, sagt er. 
Ganz verzichtet er auf den Einsatz von Holz trotzdem nicht. Wir betreten einen hohen und düsteren Raum, hier liegen Dutzende gebrauchter 500-Liter-Fässer in hohen Regalen. Neu kosten solche Fässer ein Vermögen, um die 1600 Euro pro Stück. O'Callaghan kauft sie gebraucht von einem großen Weingut in der Nähe - und bekommt sie für 80 Euro. „Dann ist alles draußen, was ich nicht mag: die Tannine, die Geschmacksstoffe. In solchen Fässern kann der Wein schön reifen.“ In Beton und gebrauchtem Holz bleibt der Charakter der Rebsorte klar erhalten - genau das, was O'Callaghan will. „Sangiovese in purezza, das war schon immer meine Philosophie“, sagt er. Schon immer, das bedeutet seit 1991. So lange ist O'Callaghan schon in der Toskana und arbeitet auf Riecine.

Als er noch ein Kind war...

Mit dem Weinvirus infizierte ihn sein Onkel, als O’Callaghan noch ein Kind war. Der Onkel pflanzte aus Freude am Weinbau einen kleinen Rebberg in Südwestengland. Der Wein, der daraus entstand, sei es kaum wert gewesen, getrunken zu werden, sagt O'Callaghan. Aber die Arbeit mit den Pflanzen und im Keller begeisterte ihn so, dass er nach der Schule nach Deutschland ging. Er arbeite auf dem Schlossgut Diel an der Nahe und studierte in Geisenheim Önologie und Weinbau.
In die Toskana kam er eigentlich, um Urlaub zu machen. O'Callaghan hatte herausgefunden, dass in Gaiole ein Engländer lebt, der Wein macht: John Dunkley, schon damals ein Winzer mit sehr gutem Ruf. „Ich sprach damals kein Wort Italienisch und John war der einzige hier, den ich verstehen konnte. Deshalb kam ich überhaupt hierher“, sagt O'Callaghan. Er lächelt, wenn er erzählt, wie er damals auf Riecine ankam, mit dem Surfbrett auf dem Dach seines kleinen Autos, und abends mit Dunkley eine Flasche Chianti trank. Kurz darauf bot dieser ihm an, als Weinmacher auf Riecine anzufangen. O’Callaghan sagte zu. Seitdem hat er das Weingut behutsam erweitert. Hatte es gerade mal eineinhalb Hektar als er anfing, so sind es inzwischen fast 15.

Aber nicht nur die Größe des Weinguts bringt es mit sich, dass O'Callaghan heutzutage unter anderen Bedingungen Wein macht als damals. Der Klimawandel hat die Arbeit im Weinberg verändert, und er lässt andere Weine entstehen. „Früher war es kritisch, die Trauben so reif zu bekommen, dass die Weine mehr als 12,5% Alkohol hatten. Heute lesen wir einen Monat früher und trotzdem muss ich schauen, dass ich am Ende unter 15% bleibe“, sagt O’Callaghan. Denn reifen die Trauben zu früh, steigt nur der Zuckergehalt, die phenolische, also die geschmackliche Reife, hält  nicht mit. Das führt zu alkoholstarken, faden Weinen.
Wir treten wieder in die Sonne auf die Terrasse, die die ganze Front des Gebäudes einnimmt. Zwei Dinge, die für das Weinmachen auf Riecine wichtig sind, will O'Callaghan mir zeigen. Er deutet das Tal hinunter, Richtung Gaiole. „Spürst Du den Wind? Der bläst hier die ganze Zeit.“ Das ist gut gegen Krankheiten, da er er die Trauben trocknet und sorgt für kühle Nächte, indem er die warme Luft abtransportiert.“ Dann zeigt O'Callaghan auf die Höhenzüge, die links von uns liegen. „Dort oben wurden Wölfe ausgesetzt. Die treiben die Rehe ins Tal, und die machen sich über meine Trauben her. Zehn Tonnen habe ich dieses Jahr schon an die Tiere verloren“, sagt er.
Wir gehen wieder ins kühle Innere. Ganz fertig ist der neue Verkostungsraum noch nicht. Die Decke ist aus Holz, sonst dominieren Stein und Edelstahl. Besonders stolz ist O’Callaghan auf die Stühle, die er vor kurzem erwarb. Eigentlich sollte was ganz modernes her, passend zum Rest des Raumes. Er zuckt mit den Achseln. „Irgendwas hat mit der Bestellung nicht geklappt, ist eben Italien hier.“ Nun stehen um die modernen Holztische alte, abgestoßene Stühle aus bunt lackiertem Metall - der Kontrast könnte größer nicht sein und gerade das macht die Kombination gelungen.
O’Callaghan stellt ein paar Flaschen auf den Tresen. Er deutet auf die Reihe: „Das ist meine Interpretation des Terroirs“, sagt er. Um Konventionen schert er sich dabei wenig. Dass er beispielsweise biodynamisch arbeitet oder die Trauben mit Füßen stampfen lässt und der Most dann bis zu 60 Tage auf der Maische liegt, erwähnt er nur nebenbei. Was für andere Spinnerei ist, ist ihm selbstverständlich. Immer wieder legt er sich mit dem Konsortium an, dessen Arbeit er kritisch sieht. „Was ist Chianti Classico? Der Wein hat keine Identität. Fährt man zehn Kilometer weiter, ändern sich Boden und Höhe. Gibt jetzt ein Winzer noch 20 Prozent andere Traubensorten dazu, was erlaubt ist, hat man einen völlig anderen Wein. Der Chianti Classico hat keine Identität, das ist sein Problem“, sagt er.

Deshalb füllt er das Maximum, dass er aus der Sangiovese-Traube herausholt, nicht als DOCG-Wein ab. Der „Riecine“ kommt als Landwein auf den Markt - in einer Burgunderflasche. O’Callaghan grinst. „Die ist vom Konsortium für den Chianti Classico verboten. Und genau deshalb nehme ich sie für den „Riecine“.“
Er schenkt ein. In der Nase wie am Gaumen ist der Wen überwältigend. Er riecht und schmeckt nach dunklen Beeren, Teeladen, Orangenschalen und - wie alle von O’Callaghans Weinen - ein wenig nach Blut.
Aber es geht noch mehr. O’Callaghan verschwindet kurz und kommt mit einer Flasche „La Gioia“ von 1995 zurück. Er entkorkt die Flasche: „Keine Ahnung, was der noch kann“, sagt er und lacht ein wenig unsicher. „1995 war ein toller Jahrgang, sehr viel Säure. Das Wetter war schlecht gewesen bis in den September hinein. Aber dann hatten wir einen langen, tollen Herbst. Die Trauben hatten bei der Lese die perfekte Reife.“
In der Nase ist der Wein perfekt gereift, keine Spur von Müdigkeit. Eingelegte Pflaumen dominieren, Nelken, Orangen und Leder mischen sich darunter. Am Gaumen ist der Geschmack nach Leder dann sehr präsent, die Frucht tritt in den Hintergrund. Dazu kommt eine Note von staubigem Speicher und alten Holzbalken - rundum ein wundervoll gereifter Wein. Zum Abschied deutet O’Callaghan noch einmal über die Weinberge, die vor dem unfertigen Neubau liegen. „Es geht beim Weinmachen für mich darum, den Weinberg gut zu pflegen und in die Flasche zu bringen“, sagt er. „Nicht mehr.“ Aber auch nicht weniger.