Frascati - Hoffnungsvolles vom angestaubten Weissweinhelden

Rozsika Farkas hat einige Winzer vor den Toren Roms besucht und kann Vorurteile (teilweise) ausräumen

Frascati ist Roms Hauswein, vulkanische Böden und spannende autochthone Rebsorten – das in unmittelbarer Nähe von Rom gelegene Anbaugebiet hat beste Voraussetzungen für die Erzeugung charaktervoller Weine. Zum Glück gibt es Winzer, die auch wirklich etwas daraus machen!
Ein unfreiwilliger Abend im Holiday Inn Medici am Stadtrand von Rom. Schnee in München, Flug gestrichen, eine Nacht auf Kosten der Lufthansa in einem nichtssagenden Vier-Sterne-Haus. An der Bar drei Weißweine im Angebot: ein Fiano aus Apulien, ein Pecorino aus den Abbruzzen – und ein Frascati. Selbstverständlich wollen wir den probieren, denn es interessiert der lokale Wein. Der Barmann empfiehlt ihn wärmstens: DOCG Castelli Romani, was richtig Gutes, preis er vollmundig an. Leider schmeckt er nach wenig: kaum Duft, keine Säure, fad, banal, das gewisse Garnichts im Glas. Der Wein bleibt ungetrunken, Pecorino und Fiano trösten über den verlorenen Abend hinweg. Das soll DER römische Wein sein? 
Wochen später im römischen Ausgehviertel Trastevere. Trapizzini, gefüllte frittierte Pizzaecken, sind gerade sehr angesagt, derbes Streetfood. Das Publikum im Trappizzini ist sehr jung, nicht der Typ Weingourmet. Entsprechend gering ist die Erwartung, was den Wein betrifft. Trotzdem muss es Frascati sein, Ehrensache. Und, Überraschung, der Abelos von De Sanctis, duftet aromatisch, ist im Mund straff, hat Spannung, Mineralität, Länge, ein Wein mit Charakter und ein wunderbarer Ausdruck der uralten Rebsorte Malvasia, die hier im Latium eine autochthone Variante, den Malvasia puntinata, hervorgebracht hat. Malvasia muss zu mindestens siebzig Prozent im Frascati enthalten sein, der Rest besteht häufig aus Trebbiano, aber auch Bombino, Bellone, Ottonese, Grechetto. Insgesamt sind hier rund zweihundert Rebsorten zugelassen. Zu neunzig Prozent produzieren die Winzer im Latium Weißwein. Das meiste, ebenfalls rund neunzig Prozent, wird an Ort und Stelle konsumiert, die Drei-Millionen-Metropole Rom schluckt alles weg. 

Der Wein von de Sanctis macht Lust auf mehr Frascati

Valle Vermiglia soll gut sein, heißt es. Das Weingut zu besuchen, ist allerdings kompliziert. Selber hinfahren geht nicht. Nicht als Frau. Denn der Wein wächst – an den Hängen des Monte Tusculo auf 600 Metern Höhe – in der Abgeschiedenheit eines Klostergeländes. Das ist schön und hat seinen Reiz, absolut sauber und unversaut sind die Böden, ruhig ist es, man hört nichts als Vogelgezwitscher. Dass es gar so still ist, liegt auch daran, dass die Mönche nicht reden, selbst untereinander nicht, sogar die Mahlzeiten nimmt jeder für sich ein. Zweimal im Jahr, an Ostern und an Weihnachten, so erzählt man uns, essen sie gemeinsam. Der Nachteil: Sie wollen auch niemanden in ihrer Nähe haben. Männer dürfen sich hier auf Zeit einquartieren, wenn sie ebenfalls den Mund halten und sich nur morgens um sechs zur Morgenandacht blicken lassen. Frauen sind auf dem Gelände gänzlich unerwünscht. So treffe ich eines Vormittags am Rand des Grundstücks Massimo Compagno, den Agronomen, der mich in seinem Wagen mitnimmt. Sollte einer der Mönche auftauchen, müsste ich mich blitzschnell ducken, damit nur der männliche Fahrer zu sehen ist. Schließlich doch durch den Weingarten zu streifen und vom Agronomen alles erklärt zu bekommen, hat den wunderbaren Reiz des Verbotenen, und so prägen sich die entrückte Landschaft, das verwunschen wirkende Klosteranwesen und der spektakuläre Blick über Rom ganz besonders ein, machen die Visite zum unvergesslichen Erlebnis. 

Das Probieren muss aber warten, bis wir wieder – ungesehen – das Weingut verlassen haben. Im Gasthaus Zarazà im hübschen Städtchen Frascati darf ich endlich den einzigen Wein von Valle Vermiglia probieren: Blassgold und nicht übermäßig klar steht er im Glas. Die Nase: fein, diskret, weiße Blüten, zarte Anklänge an Frucht wie Birne, Kräuter. Vieles scheint nur wie ein Hauch vorbeizuziehen, nur eine Ahnung von Orangenblütenduft, eine leicht rauchige Note, eine Meeresbrise. Kein Wein, der auftrumpft, sondern einer, der es nicht nötig hat, der selbstsicher ist in seiner diskreten Eleganz. Kein Kraftprotz, doch ein Wein, der von einer inneren Festigkeit zusammengehalten wird. Im Mund cremig-rund, mineralisch, mit einer ganz zarten Bitternote, ein bisschen pikant, rohe Artischocke, frische Säure, alles sehr in Balance. Ein Wein, dessen man nicht müde wird und der erstaunlich unterschiedliche Gerichte souverän begleitet, zum Beispiel ein kräftiges Ochsenschwanzragout in Tomatensauce oder gebratene Pajata vom Kalb mit Röstkaroffeln. 

Kulinarisch gelingt die Annäherung an den Frascati

Der Wirt bringt einen weiteren Frascati, gewissermaßen das Gegenstück: goldgelb, opulent und fett, ein schöner Wein, der aber eher satt macht. Er wächst in der Ebene auf 300 Metern, Gabriele Magno ist der Winzer. So extreme Unterschiede bei so großer Nähe, das macht neugierig auf mehr. Weil der Wein von de Sanctis bei Trapizzini so gut geschmeckt hat, wollen wir ihn noch einmal am helllichten Tag probieren – nicht, dass uns womöglich nur das romanische Trastevere den Kopf verdreht hat. Also auf ins Weingut, Luigi de Sanctis ist zum Glück das Gegenteil eines abweisenden Mönchs, er führt durch die Rebanlagen, zeigt den Weinkeller, erzählt die verschlungene Geschichte des Weinguts, das sich über Generationen ganz in der Nähe befand, bis es einem Straßenbau weichen musste. Am jetzigen Standort hat Luigi de Sanctis, der das Weingut zusammen mit seinem Sohn Francesco das Bio-Weingut führt, alles neu angelegt. Gerade mal fünf Weine füllen sie ab, drei trockene Weiße, einen Roten und einen Süßen. 
Mit dem 496 fängt es eher harmlos an, da springt die Birne förmlich aus dem Glas, mit seiner zarten, appetitlichen Bitternote ist er ideal als Aperitif. Ein ganz anderes Kaliber der bereits in Trastevere probierte Abelos: goldfarben, mit üppigem Fruchtbukett, ebenfalls von Birne dominiert, aber vielfältiger, dazu Kräuter, auch eingelegte Pflaumen, ein komplexer, cremiger, mineralischer Wein. Schließlich der Amacos, der im Prinzip mit dem Abelos identisch ist, nur, dass er zusätzlich in gebrauchten Barriques gelagert wurde, was die fruchtigen Noten reduziert, dafür rauchige Nuancen beigesteuert hat. Was alle Weine von De Sanctis auszeichnet, auch für den rauchig-blutig-beerig-würzigen Cabernet Franc, ist ihre überraschende Zugänglichkeit auch schon in frühem Stadium. 
Fazit des Besuchs in nördlich von Rom gelegenen Weinstadt: Frascati kann zart sein oder opulent, unbeschwert-leicht oder tiefgründig, fruchtbetont oder kräuterwürzig, dabei immer getragen und zusammengehalten von mineralischen Noten. Eigentlich sind die Voraussetzungen für den Anbau ja auch ideal: Das Gebiet liegt im größten Vulkanmassiv Europas, die Böden sind perfekt, dazu die autochthone Hauptrebsorte Malvasia puntinata – aus dieser Mischung sollten nur charaktervolle Weine entstehen. Dass es allzu viele Weinerzeuger gibt, die sich wenig Mühe machen und flache Tropfen produzieren, liegt einfach daran, dass die wenige Kilometer entfernte Metropole anscheinend widerspruchslos alles schluckt. Umso höher sind die Anstrengungen von Winzern wie Luigi und Francesco de Sanctis, Gabriele Magno und Massimo Compagno – die alle biologisch arbeiten – zu schätzen. 

Weingüter nach dem Gusto von Rozsika Farkas, Autorin/Fotografin dieses Artikels

De Sanctis www.frascati-wine.com 
Valle Vermiglia www.eremotusculano.it 
Gabriele Magno www.gabrielemagno.it