Das Weinland Montefalco in Umbrien

Frisch von der Weinreise - Winzer und Weintypen vorgestellt von Roszsika Farkas

Unter den italienischen DOCG-Weinen, also den Weinen, deren Status für eine nicht nur „kontrollierte“, sondern auch „garantierte“ Herkunft steht, ist der Montefalco Sagrantino einer der weniger bekannten, dafür aber einer der markantesten. Es gibt wohl keine Rebsorte, die mehr Tannin enthält und auch keine, die mehr Alkohol erbringt. 

Wie ein wildes Pferd, ein erste Annäherung

Im prächtigen Ratssaal an der Piazza im umbrischen Städtchen Montefalco wird der neue Jahrgang probiert. Wir schreiben das Jahr 2020, und der „neue“ ist der 2016er. So viel Zeit gönnt man nur großen Weinen, wie dem Barolo. Blind oder nicht blind, fragt der Sommelier. Da ich mit dem Wein noch so gut wie gar nicht vertraut bin – abgesehen von der Erfahrung des gestrigen Tages, an dem das Konsortium mich zusammen mit einer Handvoll Kollegen fünf Weingüter hat besuchen lassen, was einen gewissen ersten Eindruck hinterlassen hat, sage ich „nicht blind“ und lasse mir die Weine in der Reihenfolge der Liste bringen. 

Wein Nummer eins präsentiert sich mit tiefem Rot, das ins Schwarze spielt – aber das gilt für alle sechs Weine, die vor mir aufgereiht sind. Dunkel wie der Wein sind auch die ersten wahrnehmbaren Duftnoten: Brombeeren, Schlehe, Heidelbeere, unterlegt von einem Hauch Lorbeer. Einen beherzten Schluck nehmen, den Wein sich im Mund verteilen lassen, hin- und herbewegen – die körnige Gerbsäure kleidet den Mundraum vollständig aus. Der zweite Wein riecht im ersten Moment rauchig-staubig, es ist, als würde man in ein Bergwerk eintreten. Es dauert eine Weile, bis sich dahinter sanftere, fruchtigere Noten zeigen, die allesamt aus dem Wald zu stammen scheinen: Beeren und Tannennadeln, darüber gleichsam schwebend, eine hellere zitrusartige Note. Wieder das intensive Tannin, das den Mund auskleidet und sich mit einem leicht bitteren Unterton zusammenfügt. Der nächste Wein: Kohlestaub, unterlegt mit Beerenallerlei, das Tannin adstringierend. Eins weiter: sanfter Duft nach Biskuit, Pflaume und Kirsche, im Mund aber strapaziert das Tannin die Schleimhäute. Der Sagrantino, soviel ist nach dem ersten Flight klar, ist kein Schmeichler, kein Wein für den leichten, schnellen Genuss. 

Wann ist Sagrantino trinkreif?

Inzwischen bin ich bei Nummer 22 angekommen: Antonelli, Chef des Konsoriums und seit mehr als zehn Jahren biozertifiziert. 59.000 Flaschen macht er, der Wein bleibt noch zur weiteren Reife auf dem Weingut. In der Nase Brombeere, Minze und ein wenig Schokolade, eine hübsche Duftmischung. Das Tannin ist pudrig-fein, trotzdem trocknet es den Mund aus. Ich statte Antonelli einen Besuch ab. Sagrantino muss reifen, damit er trinkbar wird, heißt es, und hier ist Gelegenheit, ältere Jahrgänge zu verkosten. Den 2008er beispielsweise. Die Flasche ist bereits seit zwei Tagen geöffnet, der Wein wirkt denn auch ein wenig müde, aber immer noch beißend ist das Tannin. Der 1998er hat schöne Tertiäraromen, duftet nach Wald und Trüffeln und erinnert damit ein wenig an Barolo, aber das Tannin hat sich auch nach mehr als 20 Jahren nicht wirklich geglättet. Zusammen mit einem schönen Stück Braten könnte der Wein Freude bereiten. 

Bei Antonelli erfahre ich, dass in der Vergangenheit mehr von der schwierigen Rebe angebaut wurde, als sich vermarkten liess. So kommt es, dass die Winzer den Sagrantino inzwischen auch zu Rosé und sogar zu Spumante verarbeiten. Ausreichend Säure bringt die Sorte mit und so sind die Ergebnisse durchaus erfreulich. Scacciadiavoli – dessen Montefalco Sagrantino zu den Besseren zählt – macht einen schönen weißen Metodo Tradizionale Brut aus 85 Prozent Sagrantino und 15 Prozent Chardonnay, sowie einen schäumenden Rosé aus 100 Prozent Sagrantino. Der zarte Hauch Tannin, den der kurze Kontakt des Mosts mit der Schale hinterlässt, stört nicht, sondern verleiht dem Spumante eher das gewisse Etwas. 

Nur die Besten reifen gut

„Der Sagrantino ist wie ein wildes Pferd, das gezähmt werden muss“, sagt Chiara Lungarotti, als ich sie auf ihrem Weingut südlich von Montefalco besuche. Während Lungarottis Montefalco Sagrantino 2016 noch nicht ganz bei sich ist, sondern agitato, „unruhig“, mit austrocknendem Tannin, ruht dagegen der Sagrantino Rubesco Riserva 2013 Monticchio Single Vineyard in sich. Mit seinen Noten von Pflaumenmus, Schwarzkirsche, Schwarztee und Tabak ist er sehr elegant. Die Struktur ist fest und filigran zugleich; das Tannin außerordentlich fein. Diesen Wein gibt es nur in guten Jahren. 

Die deutsche Wikipedia-Ausgabe beschreibt den Geschmack des Sagrantino schlicht als „trocken, harmonisch“. Bei allem Respekt für Wiki, die seltsam nichtssagende Charakterisierung geht so weit an der Sache vorbei, wie nur irgend möglich, denn bis der Sagrantino, dieser ruppige Geselle, tatsächlich „harmonisch“ schmeckt, muss auf dem Weingut sehr viel richtiggemacht sein und müssen auch eine Reihe Jahre ins Land gegangen sein. Inzwischen gab es auf diversen Weingütern etliche reifere Exemplare zu probieren. Die unerfreuliche Überraschung dabei: Die acht bis zehn Jahre alten Weine wirkten mehrheitlich schon ein wenig überaltert, mit pilzigen Noten. Zeit allein bringt’s also nicht, man muss schon verdammt gut sein, um nach einer Reihe von Jahren wirklich einen tollen Wein anbieten zu können.

Temperament und Feinschliff

Wie fein der wilde Sagrantino reifen kann, zeigt sich exemplarisch bei Adanti. Die Geschichte des Weinguts ist ein wenig kurios: Gegründet wurde es in den 1960er Jahren vom Möbelhändler Domenico Adanti, der als Kellermeister den in Paris arbeitenden Schneider Alvaro Palini zu Rate zog. Dem Quereinsteigergespann gelang es, sich mit seinen spontan vergorenen, in großen Holzfässern gereiften Weinen in die oberste Liga der umbrischen Weingüter emporzuarbeiten. Heute führt Domenicos Tochter Donatella Adanti das Weingut, für die hohe Qualität der Weine ist seit 20 Jahren Alvaros Sohn Daniele Palini, der nicht erst schneidern, sondern gleich Weinmachen gelernt hat, zuständig. Flaggschiff ist der Lagen-Sagrantino Arquata, in dem sich Temperament und Feinschliff aufs Schönste die Waage halten. Der einfachere Rosso aus 2012 hat die Jahre ebenso bravourös überstanden wie der machtvolle, nach dunklen Früchten und Veilchen duftende Arquata aus demselben Jahrgang. Wir probieren zurück bis 1999. Da ist das Tannin besänftigt; Kräuter, ein Hauch Kakao und Tee, fruchtige und auch fleischige Noten verbinden sich zu einem prachtvollen und nun tatsächlich harmonischen Ganzen. 

Endlich: der idealtypische Sagrantino

Am nächsten Tag ein Mittagessen im Restaurant Re Tartù in Montefalco. Es gibt als Gruß aus der Küche Frischkäse mit Trüffel, als Primo hausgemachte Strangozzi mit Tomate und Trüffel und schließlich als Hauptgang Kaninchen mit Blumenkohl und, genau, Trüffeln. Der Wirt fragt nicht lang nach einem Weinwunsch, sondern reicht wortlos ein Glas: ein dunkler Rotwein, seidig, balanciert, wunderbar – der Sagrantino „Pozzo del Curato“ aus der Lese 2007 von Villa Mongalli. Auf der offiziellen Verkostungsliste taucht Mongalli nicht auf, dabei ist das Weingut Mitglied im Konsortium, das die Verkostung im Ratssaal organisiert hat. Ein Anruf beim Winzer liefert die Erklärung: Um an der Präsentation teilzunehmen, müsste Winzer Pierpaolo Menghini, wie alle anderen, den Jahrgang 2016 einreichen - und dazu ist er nicht bereit. Montefalco Sagrantino von Villa Mongalli gibt es erst zu probieren, wenn Menghini ihn für trinkreif befindet. Und das ist eher nach zehn, als nach vier Jahren der Fall. 

Auf dem Weingut selbst gibt es nochmal Pozzo del Curato zu probieren. Diesmal den 2010er mit happigen 16,5 Prozent Alkohol, der trotzdem kein bisschen brandig rüberkommt, sondern mit Tiefe und Klarheit überzeugt. Höhepunkt der ausgiebigen Weinprobe mit großartigen Weißen, wie dem mangoduftenden Spoletino, mit Rosato und Rosso, ist schließlich der 2006er Montefalco Sagrantino Della Cima mit seinen vielfältigen Aromen: Orangenschale und Leder, Waldboden und Kräuter, dazu Graphitstaub, Cassis und Sauerkirsche verbinden sich zu einem verführerischen Ganzen. Das Tannin ist ultrafein, die Struktur kräftig und doch geschmeidig. Mit 14,5 Prozent ist der Wein vergleichsweise moderat im Alkohol; das liegt daran, dass die Reben noch jungen waren, erklärt Menghini. Nochmal Dank an den Wirt vom Rè Tartu: Hätte er nicht zum Mittagessen den Villa Mongalli eingeschenkt, hätte ich den allerbesten Sagrantino womöglich nie kennengelernt...

Roszikas Favoriten

Adanti, www.cantineadanti.com - Antonelli, www.antonellisanmarco.it

Bea, www.paolobea.com - Lungarotti, www.lungarotti.it

Villa Mongalli, www.villamongalli.com - Moretti Omero, www.morettiomero.it

Perticaia, www.perticaia.it - Scacciadiavoli, www.scacciadiavoli.it

Der Weinreisende Herbert Heil und seine Meinung zu Montefalco 

Umbrien ist Italien pur, kulturell hochinteressant, kulinarisch entdeckenswert, das „grüne Herz“ von bella italia. Und was den Wein betrifft, ist die Region allemal eine Reise wert. Montefalco heißt das Zauberwort oder besser gesagt der bezaubernde kleine Ort, kaum 40 Kilometer südöstlich der Provinzhauptstadt Perugia. Hier wird die autochthone Rebsorte Sagrantino angebaut. Daraus gewonnen wird ein extrem spannender Rotwein, der einzigartig ist. Das bekannteste Beispiel für solche Weine aus Sagrantino ist der DOCG-geschützte Sagrantino di Montefalco, der sortenrein erzeugt werden muss und anschließend mindestens 30 Monate reifen muss, bevor er in den Handel kommt. Die Kontrollbehörde (das Consorzio Tutela Vini Montefalco) legt die maximale Erntemenge pro Hektar auf 52 hl fest. Der Wein ist besonders tannin- und säurereichreich und demzufolge lange lagerfähig. Die Probe aufs Exempel gelingt am besten, wenn man einen gereiften Sagrantino verkostet, der zeigt welch Potenzial in der Sorte steckt. Die Spitzenwinzer im Montefalco-Gebiet haben den schweren, fast pechschwarzen Wein, der viele (Poly-) Phenolen besitzt, längst zu einem finessenreichen und eleganten Wein vinifiziert. Ein Wein für Fortgeschrittene, der Jahr für Jahr an Image gewinnt und eine eigene Stilistik hat. Im Laufe der Zeit entwickelt der Sagrantino di Montefalco eine Komplexität an Aromen mit Noten von schwarzen Früchten, Gewürzen, Leder, Tabak und Menthol, wie sie sonst nur schwer zu finden sind. Neben der trockenen Variante gibt es noch einen Süßwein, den Passito, der aus überreifen und eingetrockneten Sagrantino-Trauben entsteht. Ein weiterer Wein des kleinen Gebiets ist der Rosso di Montefalco DOC, der überwiegend aus der in Zentralitalien weitverbreiteten Sangiovese-Traube gewonnen wird. Ihm werden 10 bis 15 Prozent Sagrantino, beigegeben, die dem Wein seine besonders abgerundete Struktur verleiht. Für den Rosso di Montefalco ist eine Mindestreifezeit von zweieinhalb Jahren vorgeschrieben.