Das Weingut Pietraventosa von Marianna Annio in Gioia del Colle

Primitivo aus der besten Anbaugegend in Apulien - kleines Weingut - self made Winzerin

FOTO: Marianna Annio probiert die "Racemi" die süßen Trauben, die erst nach den eigentlichen Trauben reif werden, weil sie sehr spät erneut blühen, es ist typisch für die Sorte Primitivo

Marianna hat keinen Opa, der Wein machte, und auch keine großen Ländereien. Als sie im Jahre 2000 schwanger war, faßte Sie mit ihrem Mann einen zukunftsweisenden Entschluss: In ihrem Geburtsort ein kleines Stück Land mit Reben und Olivenbäumen zu kaufen, damit ihr Sohn später einmal in der Landwirtschaft tätig und den Winzerberuf ausüben kann, wenn er denn möchte. Ein kleiner, sehr alter Weinberg mit Primitivo-Reben existierte schon, weitere 4 ha Reben wurden von 2003-2006 gepflanzt.
Zu dieser Zeit war der Primitivo aus Gioia del Colle ein unbekannter Wein, wurde nur lokal getrunken, weniger als 10 Weingüter erzeugten Wein in Flaschen. Heute ist es -nach den einschlägigen Weinführern- der beste Primitivo Apuliens.
Marianna stürzte sich also ins Abenteuer des Winzerlebens, nachdem ihr Sohn aus den Windeln war, gab ihren Job als Buchhalterin auf und lernte das, was man als Winzer alles können muss. „Fehler gehören dazu, daraus zu lernen ist das Entscheidende“, entgegnet Marianna wie selbstverständlich. Von Beginn stand ihr ein befreundeter Weinmacher zur Seite und im Weinberg vertraute Marianna auf die pensionierten Bauern der Gegend, die mehr als 40 Jahre Erfahrung mitbringen.
Bis der eigene, kleine Keller im Jahre 2012 eingeweiht werden konnte, waren gute Nerven gefragt, denn es war ein langes Warten auf Genehmigungen, inklusiver zahlreicher Behördengänge. Marianna ist drangeblieben und hat ihren Traum verwirklicht. Ihr Mann unterstützt sie, wenn immer es seine Zeit zulässt, und es ist selbstverständlich, dass zur Ernte der Trauben und zur Abfüllung der Flaschen die ganze Familie antreten muss.
Pietraventosa, das sind heute wenig mehr als 5 ha Rebfläche am Stadtrand von Gioia del Colle, die je nach Jahrgang circa 30.000 Flaschen hervorbringen.  Und dass soll sich nicht groß verändern. „Es jedes Jahr etwas besser zu machen, unseren Wein zu verkaufen, das möchten wir mit Menschlichkeit und nicht mit Arroganz oder Größenwahn erreichen“, sagt Marianna mit Überzeugung.

Der Mensch und der Primitivo

Marianna ist auf eine liebevolle Art dickköpfig, manchmal etwas hektisch, wenn sie den Tag ihres Sohnes in der Schule in Bari und die Betreuung des Vaters neben den Besuch des Weinjournalisten unter einen Hut bringen muss. Doch im Gespräch über ihre Weine wird sie ganz ruhig und entspannt sich. Fokussiert und klar erzählt sie von ihren Weinen, als wäre jeder für sich eine gestandene Persönlichkeit, die Würdigung verdient. Beim Beurteilen der Weine hält sie sich dann raus, überlässt dies den „Fachleuten“, was nicht heißt, dass Marianna keine klare Meinung besitzt. Messerscharf und wie mit einem Röntgenblick erfasst sie das Wesentliche, beim Wein wie beim Mittagessen im Restaurant. Denn die junge Winzerin ist eine „buona forchetta“, wie man im Italienischen dazu sagt. Sie kocht gerne, ist anspruchsvoll und kennt dementsprechend die guten Köche der Region von zahlreichen Restaurantbesuchen persönlich.
In der Osteria Botteghe Antiche von Stefano und Valentina in Putignano stehen ihre Riserva und Voler Volare selbstverständlich auch auf der Weinkarte. Denn für die gehobene Gastronomie ist der Primitivo aus Gioia del Colle ein interessanter Essensbegleiter, weil sein Charakter auch fein Gemüsegerichte oder intensive Meeres-Antipasti sehr gut begleitet.
Viele Rotweinkenner und Italienliebhaber setzen italienische Rotweine meist mit gerbstoff- und säurebetonten Weinen gleich und vergessen dabei, dass es im Süden Italiens einen ausdrucksstarken Rotwein gibt, der sich nicht über die Tannine bzw. die Säurestruktur definieren muss.

Primitivo Voler Volare 2015

Nicht nur in der guten Küche sind Kreativität, Achtsamkeit und gute Produkte gefragt. Auch beim Wein setzt Sie auf gesunde Trauben und greift möglichst wenig ins Weinmachen ein. „Dreimal gehen wir im Abstand von Tagen mit den Kisten durch den Weinberg und ernten die reifen Trauben. Für den Voler Volare nehmen wir die Trauben der zweiten und dritten Ernte, die weniger von der Säure geprägt sind und eine reife Frucht besitzen.“, sagt Marianna. Dabei besitzen ihre Trauben in Gioia ein gutes Zucker/Säure-Verhältnis und erreichen selten Alkoholwerte von mehr als 14 Vol%.
Die Entscheidung für das Etikett war ein Glücksgriff, denn die Weinliebhaber unabhängig ihrer Nationalität sind sehr angetan davon. Marianna hat es bei Lorenzo Tomacelli, einem regionalen Künstler, gesehen und sofort gewusst, dass dies ihre Philosophie in Farben und Formen packt, wie es auch ein guter Wein vermag.
Voler Volare – „Ich möchte fliegen können und das unmögliche bzw. undenkbare bzw. unwagbare umsetzen.“
Die Notiz: Intensive Frucht, einladende Aromen – Leder, Lakritz, Kirschen, ausgewogen und stimmig am Gaumen - bekömmlich der Gesamteindruck nach dem Probieren
Der Tipp: Probieren Sie den Wein einmal mutig und unvoreingenommen mit einem Mozzarella di Bufala, der traditionell in Gioia del Colle erzeugt wird.

Weitere Primitivo-Weine von Pietraventosa

Rosato 2016 (schnell ausverkauft...)
Allegoria 2015 (etwas säurebetonter und ernster als VolerVolare)
Ossimoro 2015 (15% Aglianico, im Holz ausgebaut)
Mehr Info auf www.pietraventosa.it

Primitivo Riserva 2012

Die  Riserva von Pietraventosa hat keine 17 Vol% Alkohol wie manch andere Primitivo-Weine, sondern besitzt jede Menge Fruchtkonzentration und die für Gioia typische Mineralität am Gaumen bei einem moderaten Alkohol von 14.5Vol%. Dieser ist eingebunden in ein straffes aber angenehmes Gerbstoffgerüst, das mit den Tanninen des kleinen Barriquefasses, den Traubentanninen und etwas Sauerstoff gewebt wurde.
Ganz unprätentiös schmückt den Wein ein eher klassisches Silber-Etikett und kein pompöses Gold. Die entscheidende Basis für die Riserva ist ein sehr alter Weinberg mit Buschreben, die kleine, konzentrierte Trauben hervorbringen. Marianna macht trotz des guten Materials keine Kompromisse und erzeugt diese Kleinstmengen-Riserva nur in den besten Jahren. Das waren für Pietraventosa die Jahre 2007, 2008 und 2012, und in einigen Jahren wird die 2015er Riserva die Nächste sein.
Anders als im heißen Manduria besitzen die Trauben im höhergelegenen Anbaugebiet von Gioia del Colle, wo karge Böden und windiges Wetter den Traubencharakter beeinflussen, einen Säurebiss, der  die vielfach gelobte Mineralität der Weine aus Gioia verantwortlich ist. Dies zeigt sich bei der Riserva am eindrucksvollsten.
 „Im November 2017 habe ich in Mailand eine Flasche Riserva 2007 geöffnet und auf dieser Veranstaltung von Weinkenneren viele positive Kommentare erhalten. Der Wein hatte noch viel zu erzählen, seine Frucht war präsent und nicht oxidiert“, sagt Marianna am Ende unseres Gesprächs voller Stolz und frei von Angeberei oder Arroganz. Fast ein bisschen unsicher wirkt es, oder anders gesagt eben menschlich und neugierig auf das, was das Leben bereit hält.

Hintergrund - Die Anbaugebiete

Primitivo ist nicht gleich Primitivo – so viel steht fest. Bei aller Gemeinsamkeit des Rebsortenscharakters entstehen doch im heißen Manduria (nahe Taranto) und im hoch gelegenen und windigen Gioia del Colle (nahe Bari) unterschiedliche Weine. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass die beiden Anbaugebiete keine Autostunde voneinander entfernt sind. Bei beiden spielt der Primitivo die Hauptrolle. In der Mitte des Stiefelabsatzes wachsen auch im Salento (nahe Lecce) mehr und mehr Primitivo-Reben, wo traditionell der Negroamaro zuhause ist. Demnach steht beim Primitivo Puglia oder Primitivo Salento eher die Rebsorte und weniger das Terroir an erster Stelle. Pietraventosa in Gioia del Colle ist demgegenüber ein Garant für ausdrucksstarke Primitivo-Weine, die vom besonderen Terroir und natürlich den klaren Ideen von Marianna geprägt werden.

Tipps vor Ort von Marianna in Gioia und Umgebung

Restaurant Botteghe Antiche, Putignano, Piazza Plebescito
Käserei Milano für Mozzarelloa und Burrata, Gioia del Colle
Bed&breakfast und Hotel Il Ciacco, Gioia del Colle

FOTOS: Karstiges Gestein im Keller von Pietraventosa, Mozzarella zum Primitivo Allegoria im Strandrestaurant