Die jüngere Geschichte des Kultweines bewegt

Mit keiner anderen Erfolgsgeschichte lässt sich der Aufstieg des Brunello in den letzten 50 Jahren vergleichen, imposant und atemberaubend.

Foto oben: Siro Pacenti erzählt seine Geschichten, eine Gruppe von deutschen Sommeliers hört zu
Foto unten: Abendessen im Hause Costanti, Andrea studiert das Etikett von Pian dell'Orino

Noch 1968 bewirtschafteten gerade einmal 13 Winzer ganze 50 Hektar. Dazwischen standen nicht selten verfallende Bauernhäuser. Bis in die siebziger Jahre verödeten ganze Landstriche, weil die Leute ihr Heil als Industriearbeiter suchten. Während die Nachbarn im Chianti Classico schon gute Geschäfte mit ihren Weinen machten, blieb Montalcino tiefste Provinz.
Die mittellosen Landflüchtlinge verscherbelten ihr Land gerne an Interessenten, unter ihnen Branchenriesen wie die Vermouth-Dynastie Cinzano und der Antinori-Clan, dem der Wert der Lagen wohl durchaus klar war. Ein paar Jahre später stiegen zwei US-Importeure im großen Stil ein. James und Harry Mariani hatten mit Lambrusco ein Vermögen in ihrer Heimat gemacht und kauften auf einen Schlag hunderte Hektar Weinberge im Süden Montalcinos. Dazu errichteten sie mit Castello Banfi die technisch modernste Kellerei der Welt. All das erinnerte sehr an Kalifornien, und noch dazu zeigten die beiden Amerikaner Besuchern mit Vergnügen ihren neuen Spielplatz.
Folgerichtig exportierten die Marianis ihre großen Mengen dahin, wo große Maßstäbe zu Hause sind. Nicht selten wurden sie für ihren American style von Einheimischen angefeindet, doch die Bugwelle ihres Big business spülte weiteres Geld in die Region.

Erfolgsgeschichte Brunello

Das Image von Brunello di Montalcino stieg. Immer mehr alte Weinberge wurden rekultiviert, oft von ausländischen Investoren. Preise und Exporte stiegen in Höhen, die Barolo alt und Chianti Classico wie ein Schnäppchen aussehen ließen. Brunello steuerte seinen Teil zum italienischen Weinwunder bei.
Mitte der Achtziger standen annähernd 1.000 Hektar unter Reben. Kritiker mahnten Obergrenzen an, um dem Ruf nicht zu schaden. Ohne Wirkung. Immer weiter dehnten sich die Rebgärten in Richtung der Flüsschen Orcia und Ombrone aus, die das Gebiet abgrenzen. Brunello, der zusammen mit dem kleinen Bruder Vino Nobile di Montepulciano als erster italienischer Wein die strenge DOCG-Klassifikation bekommen hatte, avancierte in den weinbegeisterten achtziger Jahren zum Trend- und Edelwein. Familien aus Montalcino, die eigene Weinberge besaßen, begannen selbst abzufüllen. Winzer von außerhalb drängten in die Region und oft auch Unternehmen aus anderen Branchen, die hier den Profit witterten – und machten. 

Der Höhepunkt der Hysterie war Anfang des Jahrtausends erreicht, als der einflussreiche „Wine Spectator“ der Riserva 1997 Spitzenbewertungen gegeben hatte. Mit dem US-Magazin unterm Arm zahlten amerikanische Weinliebhaber fast jeden Preis. Selbst die Auslagen von Montalcino, wo Weinhändler mittlerweile ein Allerweltsberuf geworden war, wirkten zeitweise mehr wie Börsen. Über Nacht habe sich der Preis für eine Flasche seines Weins „auf 200 Euro vervierfacht“, erinnert sich der Winzer Andrea Costanti.
Für einen Hektar Rebland blätterte mancher Investor Ende der neunziger Jahre den Preis eines Eigenheims hin. Die kalte Dusche ließ nicht lange auf sich warten und kam mit der Euro-Einführung und dem Verfall des Dollarkurses. Schon 2004 hatten sich die Preise selbst von Spitzengewächsen halbiert. Mancher gepriesene Newcomer fand seinen Wein für kleines Geld in der Weinhandlung vor Ort wieder.

Nach überstandener Finanzkrise Ende des Jahrzehnts kamen dann mit den Jahrgängen 2006 und 2007 zwei sehr gute Jahrgänge in den Verkauf und die Nachfrage zog erneut an. Der hochgelobte 2010er Jahrgang war rasch ausverkauft, nach einem heißen und dadurch vergleichsweise aromenarmen Jahrgang 2011 glänzt der 2012er durch Kraft und Fruchtintensität und der 2013er wird bereits mit Spannung erwartet.

Die Anfänge - Biondi Santi und Brunello

Schon seit Jahrhunderten ist bekannt, dass die Gegend von Montalcino sich für die Weinerzeugung eignet. Bereits Im Jahr 1550 schrieb Bruder Leandro Alberti aus Bologna in seiner Descrittione di tutta Italia, dass Montalcino „für den Wein, der auf seinen anmutigen Hügeln wächst, berühmt ist“. Der heute auf der ganzen Welt geschätzte Brunello entstand allerdings erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts dank der Eifers, des Könnens und der Intuition des siegreich aus der Schlacht von Bezzecca (1866) heimgekehrten Garibaldi-Anhängers Ferruccio Biondi Santi. Santi widmete sich seinem Gut „Tenuta il Greppo“ in Montalcino und pflanzte nur eine Rebsorte: Sangiovese. So entstand der Brunello (ziemlich sicher inspirierte die dunkle Farbe des Weins diesen Namen): ein starker und samtiger Wein, der keinem anderen berühmten lagerungsfähigen Rotwein glich. Die traditionsreiche Biondi-Kellerei „Il Greppo“  ist längst zu einem magischen Ort des italienischen Weinbaus geworden.
Als ältestes Dokument in Flaschenform wird der Jahrgang 1888 im Weinkeller des Guts „Il Greppo“ aufbewahrt. Damals arbeiteten wenige Bauern an diesem Wein. Im Jahr 1929 wurden Reben auf 925 Hektar Intensivkultur und auf 1243 Hektar Mischkultur angebaut. Der Brunello wurde vor allem offen in großen Korbflaschen verkauft (außer Biondi Santi füllten nur drei andere Produzenten den Wein in Flaschen ab: Colombini, Franceschi und Angelini).

Es gab auch ganz lausige Zeiten für die Weinbauern

In den dreißiger Jahren zerstörte die Phylloxera (Reblaus) alle Weinberge, gerade als 1932 ein „gesetzlicher“ Rekord in Montalcino eintraf: Nur der in der Gemeinde produzierte und abgefüllte Wein darf sich von nun an Brunello nennen. Das Produktionsgebiet wurde schon 1932 von der Kommission des Landwirtschaftsministeriums begrenzt. 
Die folgenden Jahre waren von einem langsamen mühevollen Wiederaufbau der Weinberge geprägt, die durch den zweiten Weltkrieg unterbrochen und verzögert wurde. Die Verlagerung der Kriegsfront in diese Gegend führte zur Verringerung der Anbaufläche. Erst in den Fünfzigerjahren erinnerten sich die Weinbauern (ungefähr 10 bis 15)  wieder des großen Potentials des Brunello di Montalcino. Im Jahr 1963 wird das Rahmengesetz über die DOC-Weine genehmigt, die Ursprungsbezeichnung DOC wurde dem Brunello am 28. März 1966 zugesprochen. Danach startete die unglaubliche Erfolgsgeschichte des Brunello und seines Anbaugebietes und seinen Winzern, die in weniger als 50 Jahren den Weinolymp erreicht haben.